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Der Humorist / M.S. / 08-2006

 

Supranationale Würstel on tour

Jetzt bekommt der Österreicher den Rest - weil er den Osten bis heute nicht liebt, traktiert ihn die heimische Wirtschaft nun in der Sommerhitze mit Lángos und Gratis-Würsteln, bis er´s kapiert hat. Mit der großangelegten PR-Aktion "Tellerrand" holt man den Österreicher dort ab, wo er ißt – am Würstelstand. Man will ihm den Osten, vor allem die Segnungen der Osterweiterung, schmackhaft machen.

Initiatoren sind aber einmal nicht direkt die Politik oder Bürgerinitiativen, sondern die österreichische Wirtschaft. Was, außer kollektivem und abheftbarem Schulterklopfen diese Aktion bringen soll, ist vorerst unklar, die publizitäre Darstellung allerdings eher beängstigend zu nennen. Hier einige kleine Auszüge.

Noch nie ist es uns in Österreich so gut gegangen wie heute. Trotzdem ist die Stimmungslage zur EU und zur EU-Erweiterung so schlecht wie noch nie“, so die Initiatoren der Aktion: "Tellerand", die zwei Jahre nach der EU-Erweiterung mit landesweiten Würstchenständen on tour Stimmung für die neuen Nachbarn machen wollen und bei Diskussionen einen Blick über die rot-weiß-rote Suppenschüssel wagen. Die Bank Austria Creditanstalt, ERSTE Bank, OMV, Raiffeisen Zentralbank (RZB), Siemens Österreich, voestalpine und die Wiener Städtische, also kurz die Österreich AG minus BAWAG, machen sich für "ein größeres Europa stark" und glauben, daß "Österreich mit dieser negativen Einstellung viele Chancen aufs Spiel setzt – und wollen daher allen Österreichern eine Plattform bieten, welche die Zukunftschancen unseres Landes in der erweiterten EU sehen. Je mehr Menschen sich an dieser Bewegung beteiligen, umso besser für unser Land“, so die Initiatoren. "Ab sofort kann daher ein jeder auf www.tellerrand.at seine Stimme für das gemeinsame, erweiterte Europa erheben." Vielleicht denkt der gemeine Österreicher: lieber die Stimme erheben, als sie bei den Wahlen im 1. Oktober nur abgeben. Wir lesen weiter:

"Trotz der messbaren Erfolge ist Österreich europaweit das Land mit der negativsten Einstellung zur Europäischen Union und zum erweiterten Europa. Laut aktuellem Eurobarometer befürworten nur 32 % der Österreicher eine EU Mitgliedschaft, nur 29 % sprechen sich für eine zusätzliche Erweiterung aus." Dagegen verweisen die Macher auf die positiven Fakten: "Seit 1990 ist das Bruttoinlandsprodukt dank Ostöffnung und EU-Erweiterung um insgesamt 13 Mrd. Euro gewachsen – das entspricht rund 1.600 Euro pro Österreicher. Im selben Zeitraum sind durch die immer engere Verflechtung mit den neuen Nachbarn in Österreich rund 150.000 Arbeitsplätze entstanden. Die jährlich neuen Exportrekorde..." etc., etc. Es wird aber noch besser: "Auf den großen Finanzplätzen der Welt wie New York oder London ist Wien für Osteuropa so etwas wie Brüssel für die Europäische Union, weiß Regina Prehofer, Vorstandsmitglied der Bank Austria Creditanstalt: „Fast jeder dritte Euro in Osteuropa läuft heute über die Bücher Österreichs Banken. Sie waren längst dort, als die EU-Erweiterung für viele noch eine politische Vision war. Und heute profitieren sie und ihre Mitarbeiter davon. So kommen nahezu 50 Prozent der Erträge der BA-CA aus dieser Region.“ Interessant ist vielleicht auch zu wissen, daß jede vierte Debreziner in Österreich produziert wird, hingegen die meisten Wiener wiederum in Deutschland verspeist werden.

Nun gibt es aber Tumult am Würstelstand, denn für den Generaldirektor der ERSTE Bank "liegt es auf der Hand, dass „einige der neuen Nachbarländer Österreich hinsichtlich Wohlstand und wirtschaftlicher Leistungskraft früher oder später überholen werden...." Da bleibt einem Kärntner sicher die Krainer im Halse stecken. Doch für den hat man noch einen rettenden "Denkanstoß": „Für jene Menschen, die sich durch die Erweiterung bedroht fühlen, dass man die Chancen, die sich dadurch ergeben haben, selbst in die Hand nehmen muss. Und für jene, die meinen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn oder Rumänien vom hohen Ross herab betrachten zu müssen, dass sich diese Situation schon bald ändern könnte.“, fährt der gute Mann in seinem Vortrag fort und beißt dabei vielleicht gerade herzhaft in eine Pferdelberkässemmel? In einer Zwischenüberschrift dieses gelungen PR-Konglomerats lesen wir weiter, daß sich die "Initiative Tellerrand als Vorreiter der Politik" sieht. Aber wie soll man nicht vom hohen Roß herab betrachten, wenn man selbst der Reiter ist? Ich denke, da wird der Gaul von hinten aufgezäumt.

Noch mehr an die Innereien geht die Firma Siemens: "Die Grenzen zwischen den Staaten sind vielfach gefallen, jetzt sollen sie auch in den Herzen und Hirnen der Menschen fallen." Das kann einem schon an die Nieren gehen. „Ein Zurück zu der Nationalstaaterei der Vergangenheit darf es nicht geben. Globale Probleme können auch nur supranational gelöst werden. Mein Herz gehört diesem Europa! Daher unterstütze ich diese Initiative“, so Brigitte Ederer, Generaldirektorin von Siemens Österreich.

Angst macht uns indes die Schlagzeile, daß "Der Würstelstand" ab sofort "als kulinarisches Symbol für ein vereinigtes Europa" zu gelten hat. "Kulturell, historisch und insbesondere kulinarisch gibt es für Österreich mit den Ländern in Ostmitteleuropa schon seit Jahrhunderten sehr viele Anknüpfungspunkte, die in Zukunft wieder genutzt werden können. Der Würstelstand bildet in diesem Zusammenhang ein ganz besonderes Bindeglied: bei Debrezinern, Frankfurtern und Lángos als Ort der Verständigung, des Austauschs und natürlich – des Genusses." - Adieu Gänseleber, Arrividerci Pasta, Lebt wohl ihr mediterranen Genüsse. Abschließend droht man: "In den Landeshauptstädten der Bundesländer Wien, Niederösterreich, Burgenland, Steiermark, Salzburg und Oberösterreich gibt es gratis frische, heiße Würstel!" und das bei 35 Grad im Schatten - rette sich wer kann.

Weitere Informationen: www.tellerrand.at

M.S.

 

 

 

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