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Der Humorist / M.S. / 02-2006
Was soll ich hier?
oder
Das Selbstmitleid des Stipendiaten
Goethes Torquato Tasso bleibt am Wiener Burgtheater auf Distanz
und damit hinter seinen Möglichkeiten
Die hochpoetischen, selbstverliebten und zuweilen mitleidigen Reflexionen
Goethes aus früher Weimarer Zeit, seine daraus folgende Italienreise, die eher eine Flucht zu sich selbst war, hineingepflanzt in die Lebenswelt eines
Renaissancedichters am Hofe von Ferrara mit scheinbar ähnlichem Geschick. Das ist der Stoff des "Torquato Tasso", einer Art weitergeführtem Werther, der die
Mähr vom Musenliebling in erdenfernen Sphären verbreiten half, jenes Bild vom Künstler, der die Wirklichkeit durchschaut aber unmöglich, will er sie
beschreiben, einen Platz in ihr einnehmen kann, ja darauf achten muss, daß die Wirklichkeit des Lebens ihn nicht beherrscht und des Talentes beraubt.
Das daraus entwickelte klassische Schauspiel, eigentlich ein Kammerstück mit
wenig Handlung und viel Philosophie, beschäftigt sich aber nicht nur mit den offensichtlichen Fragen der künstlerischen Freiheit, dem Mäzenatentum und dem
sich aus diesem Umfeld ergebenden Zwang zum Kompromiss. Sondern es stellt, durch die den Tasso kränkende Figur des kalten Technokraten Antonio, dem
Handlanger des Herrschers, der sich von Tasso als Dichterlakaien ergötzen läßt, auch die Frage nach dem Wert der Kunst, dem Preis des Künstlers und daher
letztlich die nach Kunst und Charakter.
Wir wissen, daß Goethe in späteren Jahren selbst zum Antonio wurde, sehr wohl
die sehr irdischen Instrumente Macht und Reichtum, Pragmatik und Intrigantentum zu nutzen wusste, er also den im Tasso als unüberwindabr
dargestellten Widerspruch von Macht und Kunst spielend überwand. Ein Wissen, daß seinen Tasso in meinen Augen nachträglich auch zu einer Karikatur macht und
nicht wenig an Goethes Standbild krazt.
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Der Regisseur, Stephan Kimmig, beließ es weitgehend bei einem Kammerspiel,
vertraute den Schauspielern den Text an und scheinbar auch die Aufgabe den großen Raum (Bühne: Katja Haß) zu füllen. Es wurde auf unspektakuläre Weise
der Versuch unternommen, die einem klassischen Text innewohnende Distanz durch einen halbwegs zeitgemäßen Sprachduktus heraus zu überwinden. Das
gelang nur insoweit, als das die Inszenierung diese eben verringerte Distanz wieder herstellte. Tasso war dann zwar kein ferner Dichterjüngling mehr,
sondern erschien uns wie ein halbgewalkter Stipendiat des Goethe-Instituts, der zu früh im Leben einen Literaturpreis gewonnen hat. Wenn das gewollt
gewesen wäre, dann hätten wir uns sicher darüber gefreut, daraus einmal zu entwickeln, wie es mit unseren Tassos heute so bestellt ist.
Fragen nach staatlicher Förderung als subtilster Form der Zensur. Wie der
Literaturmarkt durch Überschwemmung das Talent zum Schweigen bringt. "So klammert sich der Schiffer endlich noch am Felsen fest, an dem er scheitern
sollte..." (Schlußsatz des Tasso) Alles Fragen, die der Text behandelt, und die auch der Regisseur andeutet, doch leider nur im Programmheft.
Es sollte sich alsbald herausstellen, daß die Mitdenkaufforderung eines Regisseurs,
der das Publikum offenbar für genauso ambitioniert und agil hält wie sich selbst, kein geringes Risiko barg. Denn fordert man zwar von dort wie auch von hier
immer wieder die Rückkehr zu den Stücken, das Schauspieler- nicht das Regietheater, doch ein Elend ist´s wie wenig die Betrachter daran mittun
wollen, wenn ihre Forderung erfüllt wird. Hier wäre einmal mehr Fingerzeig notwendig gewesen, allein schon um die "Freunde des Burgtheaters" ein wenig zu
sticheln, deren mitgehörte Kommentare nur schwer noch zu dem zu zählen sind, was man gemeinhin als "konservativ" zu tolerieren bereit ist. Da sitzen sie doch,
die Sponsoren, die heutigen Herzöge von Ferrara und die Antonios, die Kunst meist (nicht immer!) nur sponsern, wenn sie zu einem "Image" passt, oder wenn sie "ziert".
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Staatssekretär Antonio, gespielt von Michael Wittenborn, hatte vor den
anderen den großen Vorzug, daß er nicht nur eine exzellente Sprachbeherrschung und hohe Virtuosität in der Gestaltung aufbot, sondern er war auch der einzige,
der wirklich interagierte. Er spielte mit den anderen. Tasso hingegen (Philipp Hochmair) sprach nicht nur der Rolle gemäß mehr mit sich selbst, er hörte auch
zu sehr in sich selbst, war mehr als hilfreich abwesend, dies aber auf hohem Niveau. Seine Frage nach dem "Was soll ich hier" bekam so eine gewisse Komik. Die Rolle der
Leonore Sanvitale wurde von Myriam Schröder wiederum mit dem zu erwartenden, weil ihr eigenem Eros dargeboten, wobei man sagen muss,
daß sich das Besondere in ihrem Spiel von Stück zu Stück zu zwei Handvoll Stereotypen reduziert, die sie allerdings gekonnt und präsentabel variiert. Herzog Alfonso (
Joachim Meyerhoff) war die Blässe des sich in seiner Haut unwohlfühlenden Imitators merklich ins Spiel geschrieben. Seine Schwester Leonore (Caroline Peters)
konnte die Verwandschaft mit ihm nicht ganz verbergen, erfüllte aber doch immerhin die Mindestanforderungen an ihre Rolle
gut. Der Applaus (Aufführung am 25.2.) war insgesamt ungerecht kurz, und auf den teuersten Plätzen noch teilweise vorgetäuscht.
M. S.
J. W. Goethe: Torquato Tasso Premiere am Wiener Burgtheater: 24.02.06 Besuchte Vorstellung: 25.02.06
Weitere Vorstellungen: 1., 2., 12., 13. März sowie 1. und 2. April 2006 Infos: www.burgtheater.at
Fotos: (c) Wiener Burgtheater
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