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(c) Der Humorist / M.S. / 06-2007
Beerdigung erster Klasse
Vom Aktionisten zur Mozartkugel? Hermann Nitsch bekommt hinter den sieben Bergen ein Museumsmausoleum
in Mistelbach und wird darin zu Tode gekuschelt. Derweil widmet ihm die heimische Konditorenzunft rot getünchte Trüffelpralinen - ein Nachruf.
Das Land Niederösterreich freut sich. Zu recht. Ist es dem strahlenden Landeshauptmann Pröll doch mit der
Realisierung des Hermann Nitsch-Museums in dem unwahrscheinlich durchschnittlichen Örtchen Mistelbach gelungen, den wahrscheinlich aussergewöhnlichsten Künstler
der "Zweiten" Republik in sein Land zu holen. "Mit dem grossen Schlachtschiff in einem kleinen See", wie Hofrat Rössl, der Kulturchef Niederösterreichs, den
kulturpolitischen Coup ironisch-stolz bezeichnet, hat man laut Pröll "einen kulturpolitischen Faden für die Entwicklung des Weinviertels" gefunden. Ob nun
den der Ariadne, einen zum Fesseln eines einstigen Widerspenstigen oder nur einen Fallstrick deutscher Semantik ist noch nicht ganz entschieden.
Denn, so verrät sich der Landeshauptmann: "die Impulse, die hiervon ausgehen
werden, können wir heute noch gar nicht abschätzen." Besonders niederschmetternd ist der kulturelle Kontext, in dem ein Hermann Nitsch stehen
bzw. an dem er aufgefädelt sein wird: neben einem Museum für Urgeschichte, einem Puppenfestival und einem Messweinarchiv. "Ein altes Schlachtross in kleinem
Stall" beschreibt die Szenerie besser. Nitschelbach.
Der einstige Zerstörer und Provokateur österreichischer Biedermeiergemütlichkeit
wird nun zum Mehrwertfaktor der Regionalentwicklung. Ist es Altersmilde? Jedenfalls ließ der Meister bei der Präsentation seines premortalen Funerals Ende
Mai all die schmeichelnden Einwicklungen, teils schlafend, stets geduldig und dankbar scheinend, über sich ergehen. Für Nitsch ist Mistelbach so etwas, wie der
Grüne Hügel. Denn die Vorstellung von der Schaffung eines Gesamtkunstwerkes Wagnerscher Dimenson sind nicht nur ein Leitfaden (schon wieder ein Faden) des
Strebens des Künstlers, sondern die Vorstellung davon ist Nitsch selbst. Sein Orgien-Mysterien-Theater, dem er, dank der Erwerbung des Schlosses Prinzendorf
(auch in NÖ) nun polizeiseitig ungestört fröhnen darf, wird durch dieses Museumsmausoleum ergänzt. Hunderte Bilder, Schüttbilder, Video- und
Fotodokumentation der verschiedenen Aktionen, vor allem der Orgien-Mysterien-Theater sind zwar zu sehen, doch nichts ist mehr zu erleben. Sie
illustrieren nur die Beerdigung erster Klasse, die hier stattfindet. Nitsch ist Niederösterreicher und "und schätzt das Weinviertel wegen seiner Idylle und einer
gewissen Bereitschaft zur Trunkenheit". Nitsch erklärt: "meine Arbeit kommt aus dieser Gegend, für mich ist das Weinviertel der Mittelpunkt der Welt, auch wenn
ich kein Heimatkünstler sein will." Alles scheint also an seinem Platz, alles in bester Ordnung zu sein.
Auch wenn die Verbindung mit dem Ländlichen ein nicht zu negierender Quell Nitschs Kunst
ist, so ist doch nichts in Ordnung, alles liegt im Argen. Zumindest aus internationaler Sicht, ohne österreichsiche Brille. Wenn man den Anspruch hat, einem Künstler den Raum an
dem Ort zu geben, welcher ihm seiner Bedeutung nach zusteht, hätte Nitsch nach Wien gehört, mitten ins Zentrum. Nicht seiner
Werke, aber seiner Wirkung wegen. "Kunst ist Revolution" reifen sie einst, jetzt sitzen sie nächst des Messweinarchivs...
Man kann NÖ nur gratulieren: 20-30.000 Besucher erwartet sich der Ort (pro
Jahr!). Und der Rest Österreichs, vor allem die politische, monetäre und kulturpolitische Zentrale Österreichs, Wien, das eigentliche Kampffeld der
Aktionisten seligen Angedenkens, hat seine Ruhe. Hier hätte er zehnmal soviel Besucher gehabt, internationale Wirkung, aber das schien nicht gewollt. Seine
menschengegebene Eitelkeit wäre sicher gross genug gewesen, ein Angebot aus Wien anzunehmen. Das nicht kam.
Lippizaner, Oper, Mozartkugel und vielleicht noch etwas von Schieles Nackten, das soll reichen für die
Touristen und die Wiener. Nitsch und mit ihm der Aktionismus ist in Luxus-Verbannung verbracht. "Er zog sich am Ende in die Klösterlichkeit eines
ehemaligen Landmaschinenbetriebes im Weinviertel zurück." werden einmal die Nachrufe schreiben, die jetzt schon geschrieben werden könnten.
Das Werk von Aktionisten in einer Ausstellung zu zeigen, ist ohnehin schon
problematisch, wie erst kürzlich die Aktionisten-Sammlung Hummel im Leopold Museum offenbarte. Alles wirkt konstruiert, irgendwie starr, wie ein Theaterarchiv.
Es mag ja sein, dass der Wiener Aktionismus in seiner politischen Dimension überlebt, eingeschlafen ist, die quotierte Provokation des etablierten, überwiegend
spiessigen, Kunst- und Gesellschaftsbetriebes macht ihn jedoch nötiger als zuvor.
Doch Aktionismus ohne Aktionisten, das schafft nicht einmal die Kunst. Nitsch, der
dreimal in österreichischen Gefängnissen gesessen hat, faktisch ins Exil getrieben wurde, hat seinen Frieden mit der Heimat gemacht. Weich gebettet, von den
ehemaligen Kerkermeistern zu Tode gekuschelt, an den Rand geschoben, hinter die sieben Berge verbracht. Und in Nitsch-Trüffln folklorisiert und vermarket. Er ruhe
so sanft wie seine Ideale es schon lange tun.
m.s.
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