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Der Humorist / M.S. / 02-2006
Adé Adele
Wenn Identitäten stiften gehen
- Österreich nimmt Abschied von seiner wertvollsten Tapete
Marke statt Kunst? Marketing statt Identität?
Fünf Gemälde von Gustav Klimt, seit Jahrzehnten in der Galerie Belvedere
ausgestellt, aus dem Besitz des Zuckermagnaten Ferdinand Bloch stammend, dann arisiert, müssen nun, 60 Jahre nach Kriegsende, an die Erben restituiert
werden. An sich - so könnte man meinen - ein einfacher, wenn auch lang herausgezögerter juristischer Akt. Doch die Problematik ist derart
staatstragend geworden, daß es die Bilder am vergangenen Donnerstag sogar ins Parlament schafften, zu einer „dringlichen Sondersitzung“. 60 Jahre nichts
tun und jetzt drängeln... Die Opposition nutzte diese Sitzung natürlich zu einer Generalabrechnung, forderte ein weiteres Mal vergeblich die Rücktritte von
Ministerin Gehrer und Museumschef Seipel. Letzteren Kopf wegen der Saliera und verschiedensten Unstimmigkeiten im Rechnungshofbericht.
Der Dreh- und Angelpunkt im Klimt-Fall aus österreichischer Perspektive ist
Adele. Besser gesagt ein goldstrotzendes jugendstiliges Portrait von der jungen, mysteriös blickenden Dame aus Künstlers Hand, daß unter dem Titel:
„Adele Bloch-Bauer I“ nicht nur die Frau des Mäzenaten Bloch und Muse zahlreicher ihrer Salonbesucher darstellt, sondern auch einen nicht geringen
Teil der „österreichischen Identität“, wie zahlreiche Politiker und Lohnschreiber seit dem Bekanntwerden der Unumstößlichkeit der
Beiratsentscheidung versicherten. Daher müsse alles unternommen werden, um zumindest dieses Bild, wenn schon nicht alle fünf, im Lande zu halten.
Wir sind Klimt. Doch da allein Adele auf dem Kunstmarkt mittlerweile auf rund
100 Mio. EUR geschätzt (alle Bilder zusammen auf eine Viertelmillarde!) könnte es bei der Sparsamkeit des Finanzministers Grasser und der
anscheinenden Teilnahmslosigkeit der Kulturministern Gehrer dazu kommen, daß diese identitätsstiftende Pracht-Tapete bald stiften geht. Aufrufe
kursierten durch die Medien, Sponsoren mögen sich einschalten, der Staat sei doch reich (900 Mio. zusätzliche Steuermilliönchen, die nicht vorhersehbar
waren flossen gerade ins Budget), der Wirbel wurde immer heftiger und schon kamen die Altpolitiker ins ORF und stöhnten von „nationaler Aufgabe“,
„Schande“ und „Desaster“, wenn man das Geld nicht aufbringen werde. Dabei wäre der Abgang dieser Bilder nur die gerechte und - vielleicht - lehrreiche
Strafe für einige identifizierbare Versäumnisse Österreichs im Umgang mit seiner Vergangenheit.
Erst seit 1998 besteht in Österreich ein „Restitutionsgesetz“ auf dessen
Grundlage bereits fast 4200 Werke an die Erben der einstigen Besitzer zurückgegeben wurden. Am spektakulärsten dabei die riesige Sammlung
Rothschild. Soweit, so gut. Der Pferdefuß ist allerdings, daß sich kein juristischer Anspruch, sei er noch so begründet aus diesem „Gesetz“
durchsetzen läßt, wenn nicht ein, natürlich „unabhängiger“, Beirat der Ministerin Gehrer die Rückgabe empfiehlt und diese den Bei-Rat auch
annimmt. Im Falle Klimt und vielen weiteren tat der Beirat dies, in wieviel Fällen er das aus welchen Gründen nicht tat, erfährt niemand. Das hat etwas
von höfischen Gnaden, wenn man es recht bedenkt. Man möchte sich auch gar nicht vorstellen, wieviele zu unrecht erworbene Bilder noch in
Privatsammlungen schlummern, wenn schon derart zahlreiche Beispiele in einem Bereich publik werden, der bekanntermaßen zu den bestgehüteten Österreichs zählt, dem Kunsthandel.
Viel Arbeit gibt es für den Beirat noch: allein auf der Homepage des Salzburger
Landesmuseums harren 206 Kunstwerke Rückübertragunsansprüchen, im Linzer Museum befinden sich immernoch 18 Gemälde, unzuordbare „Reste“ des
„Führer-Museums“. Noch mehr Identitäten harren der Auflösung: Klimts „Amalie Zuckerkandl“ ist Opfer eines andauernden internen Streits der
Erbengemeinschaft im Hause Bloch und Umgebung. Egon Schieles „Wally“ wartet seit seiner Beschlagnahme während einer Leihgabe in New York vor 7
Jahren auf ihre - je nach Sichtweise - Auslieferung oder Befreiung.
Adé Adele? Am Sonntagabend sind die Bilder im Belvedere abgehängt worden
um abholbereit gemacht zu werden. Ein Rückkauf wird nicht stattfinden. Was als Aufschrei begann, wendet sich nun allmählich in betretenes Schweigen.
Österreich zahlt den Preis für die Versäumnisse, die sich auf dem Weg zu einer österreichsichen Identität als historische Schuld angehäuft haben und
deren Quittung man sich nun selbst verlustreich präsentieren muß.
M.S.
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