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(c) Der Humorist / M.S. / 05-2009

 

Kassierer und Kassandra

Eine deutsche Krankheit erobert die Welt

In Europa grassiert die Verschrottungsmanie. Die Slowakei überlegt Abwrackprämien auf Sofas, Tschechien auf Toaster, Österreich auf Ideen, hatte aber keine. Dafür sitzt im einzigen krisenfreien Land Europas die halbe Elite im Gefängnis.

In Deutschland wurden, dank der Schrottprämie, im März fünfmal so viele Autos gekauft wie Kinder geboren, noch viel weniger wurden vermutlich gezeugt. Da sieht man wieder, was des Deutschen liebstes Kind ist. Ökonomisch ein Strohfeuer, strategisch eine unsinnige Belohnung für Autohersteller, die sich technologisch knapp hinter dem Mond bewegen und überhaupt für die Volksgesundheit ein irrwitziger Fehlgriff, macht diese deutsche Krankheit sich daran die Welt zu erobern, wie das deutsche Krankheiten nun einmal so an sich haben.

Slowakei und Tschechien: Sofas und Toaster

In der Slowakei machten nicht nur Hinterbänkler der Politik den gloriosen Vorschlag Abwrackprämien nicht nur auf Autos, sondern auch auf Fernseher, Computer, gar Möbel zu zahlen, um den Konsum anzukurbeln. Schließlich liten auch etliche der etlichen LCD- und Plasmaproduzenten, die slowakische und tschechische Gewerbegebiete als Forts nach Westeuropa nutzen, unter den Nachfragerückgängen. Die Opposition empfahl, die Leute sollten lieber Brot kaufen statt Autos, sonst gäbe es bald noch ein böses Erwachen. Das ist praktisch die merkantile Umkehrung von Marie Antoinette mit ihrem später kopflos gewürdigten Brioche-statt-Brot-Spruch (natürlich nur Legende, es gilt die Unschuldsvermutung).

Der tschechische Stromkonzern CEZ, sozusagen ein Staat im Staate, bietet neuerdings einen 1000-Kronen-Bonus beim Kauf neuer Haushaltsgeräte. Die etwa 30 EUR pro Kauf werden bei der Anschaffung umweltfreundlicher Kühlschränke, Gefriertruhen und Waschmaschinen bei den Elektro-Discountern Datart und Euronics erstattet, allerdings nur nach "Vorlage einer beglichenen Stromrechunung von CEZ", weshalb man auch gleich von einem PR-Trick sprach, weil man doch weiß, dass Stromrechnungen grundsätzlich nicht beglichen sondern bezahlt werden müssen. Auch soll die Abgabe eines gebrauchten Gerätes gleichen Typs und/oder Beleg über dessen umweltgerechte Entsorgung erfolgen. Der Aufwand dafür dürfte die 30 EUR Werbegag bei weitem übersteigen, aber das hält ja den Konsumenten in seiner Maßlosigkeit und seinem Jagd- und Spieltrieb nicht ab. Bereits wenige Stunden nach Beginn der Aktion kündigte das Prager Kartellamt an, untersuchen zu wollen, ob CEZ seine dominanten Markstellung nicht missbrauche. Dabei hatten sie ja nicht gesagt, dass sie jedem den Strom abstellen, der seinen Toaster nicht umtauscht.

Furoren der Macht und des Geldes

Das österreichische Feuilleton, seit etwa 70 Jahren in einer Dauerkrise, wollte eine Abwrackprämie für schlechte Ideen zur Lösung der Krise, zog diesen Vorschlag aber schnell wieder zurück, weil man fürchtete, man könne selbst das erste Opfer, der Leser gar der Nutznießer werden. Außerdem hatte man keine. Ideen. Nicht mal schlechte. Man hat hier ja nicht mal eine Krise.

Verschrottet werden derzeit auf Staatskosten dafür Furoren der Macht und des Geldes. Der Graf Mensdorff-Poully (Gatte von Ex-Ministerin Rauch-Kallat, - in solchen Kreisen spricht man nicht von Ehemann, da ist man Gatte oder Angetrauter, was irgendwie ganz besonders lustig klingt, wenn man es sich mal auf der Zunge zergehen läßt. An-getrauter, wie Zu-mutung), der Graf jedenfalls, der - nicht nur - in Ungarn so einige Provisionen im Zusammenhang mit Waffenanschaffungen hat fließen lassen sollen (es gilt die Unschuldsvermutung bis zu allerallerletzten Instanz) war ein paar Wochen in Untersuchungshaft, Meinl vom Graben, Banker in allerletzter Generation, konnte sich nach zwei Tagen und 100 Mio EUR (!!!) Kaution freikaufen, obwohl der scheußliche Kaffee und die unverschämten Preise "Am Graben" ein standrechtliches lebenslang gerechtfertigt hätten. Gegen Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser wurde Anzeige wegen Untreue erstattet, wobei der nie etwas von Treue behauptet hatte und der sportliche Rest des Landes sitzt wegen Dopings ein.

Obwohl Österreich seit etwa 90 Jahren keinen Zugang zum Meer mehr hat, muss sich das Land seit einiger Zeit übler Angriffe aus Übersee erwehren. Nobelpreisträger, Ratingagenturen und Medien beschwören den nahen Bankrott des heiligen Österreich. Diese Selbsternannten ignorieren einfach, dass hier Banker und Politiker die Krise ignorieren. Man darf dabei nicht vergessen, dass, weil hier alles so charmant ist und man die Wiener Sängerknaben, Mozart und die Lippizaner hat, die Krise in Österreich nämlich nicht stattfindet. Komisch, da hat man jahrelang mit den osteuropäischen Geliebten Töchter gezeugt und wundert sich nun, dass die abgelegten Kurtisanen Geld für ihren Ruhestand und die Ausbildung der Töchter fordern, weil sie im Wissen um den spendierfreudigen Freier alles versoffen und verjubelt haben.

Man könnte ja vielleicht vom moralischen Bankrott eines Landes sprechen, denn die obige Liste der Häfn-Bewohner wäre noch fortführbar, sogar im übertragenen Sinne, aber wer bitte wirft da den ersten Stein? Die anglo-amerikanischen Meinungsbomber? Die deutschen Oberverschrotter oder sonst irgendwelche Abgewrackten? Anstelle der Moral hatte man in Wien schon immer die Gemütlichkeit. Das hat sich bewährt. Kassandra und Kassierer sind hier von gleichem Blute. Sie lebt sonst im Keller, während Er oben sein Gemein-wesen treibt. Blöd, wenn sie rauskommt und beide gleichzeitig durcheinander brüllen.

 

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