|
(c) Der Humorist / M.S. / 06-2007
Alles im Fluss
Österreich im Zwei-Fronten-Krieg
Freilich, an manchen Stellen schäumt es, an manchen Stellen stinkt es, doch dies sind höchstens
"ästhetische Probleme". Die österreichische Politik fliesst dahin wie ein kleines Flüsschen. So wie der Zusammenfluss von Raab und Lafnitz von der Natur herbeigeführt und irgendwo
auch wieder enden wird, geht das auch mit der Großen Koalition hierzulande. Und alles was die Natur oder sonstige Schöpfer verfügen, verfolgt einen gewissen Selbstzweck. Alles ist im Fluss.
Es ist mittlerweile genug Zeit vergangen, dass auch der letzte Bürger die letzten
Wahlversprechen vergessen haben dürfte, also steuert die Koalition von der Vereidigung durch zwei Ausschüsse hindurch direkt ins Sommerloch. Dieses Sommerloch, dass manche hier auch
Legislaturperiode nennen, könnte von vier auf fünf Jahre verlängert werden, wahrscheinlich, um den beiden Untersuchungsausschüssen (die manche schon
mit der Regierung verwechseln, so oft sieht man sie im Fernsehen) die Chance zu geben, zu einem Ergebnis zu kommen. Bisher konnte man eher verfolgen
wie abwechselnd Leute krankge- und Akten überschrieben worden sind. Die Gesamtschulidee steckt im Sumpf der Kompetenzen von Landesfürsten fest und
wird über eine Probephase nicht hinauskommen, das Ausländerrecht, dass sogar seit vielen Jahren verheiratete Paare vor einer staatlich verfügten
Trennung durch Ausweisung des nichtösterreichischen Partners bedroht, hat sich noch nicht geändert und obliegt einer Fall-zu-Fall-Gnade aus besten
kaiserlichen Zeiten, wie ein Beispiel aus der Provinz gerade wieder zeigte. Vielleicht verwechselten die Behörden den Trauschein mit einer Scheinehe
oder glauben, der allgemeinen statistischen Haltbarkeit von Ehen folgend, den Paaren sogar einen Gefallen zu tun? Eines hat die Regierung aber in weiser
Voraussicht doch beschlossen: Jugendliche dürfen ihre Stimme demnächst schon mit 16 Jahren abgeben. Besser als wenn sie sie erheben.
Zur Außenpolitik: Mir klingeln noch die Worte des ungarischen Botschafters in
Wien in den Ohren: die Beziehungen zu Österreich sind absolut freundschaftlich und problemlos. Was stimmte, bis ein Problem auftauchte. Ein
Problem wird hierzulande aber erst zu einem solchen, wenn die Administration dieses so verfügt. Und so sehr man sich in Ungarn auch echauffieren sollte,
hier wundert sich über die Art und Weise des Umgangs mit den Ungarn überhaupt niemand, denn hier geht man mit den eigenen Bürgern genauso
wurschtig um. In guter alter k+k-Manier argumentierte man völlig logisch, dass die Betriebsgenehmigungen für die steirischen Dreckschleudern aufgrund
erhobener Messdaten anno sowieso zu recht erteilt worden sind, daher gebe es nichts zu tun. Papier ist schliesslich aussaggekräftiger als Schaum und wozu
braucht man neue Messergebnisse, wenn man einen Beamtenapparat mit Akten hat. Immerhin ist man mittlerweile in gewisse Ausgleichsverhandlungen
eingetreten. Man hat dabei vor 140 Jahren schon einmal gute Erfahrungen gemacht, damals konnte man die Ungarn auch mit Hilfe einiger Institutionen,
Pöstchen und nationalen Bauchkitzeleien sagenhaft über den Tisch ziehen.
Sogar die österreichischen Medien, die sich sonst nur für Ungarn interessieren,
wenn dort Blut oder Hochwasser fliesst, verbünden sich jetzt mit den Geschundenen. Unter der Überschrift "Streitbare Magyaren" bringt das
"Wirtschaftsblatt" sogar ein gewisses Verständnis für die Boykottaufrufe gegen österreichische Produkte auf und weiss, warum "... bei der Schaumschlägerei
nichts weitergeht...". Nämlich, weil "das Umweltministerium als auch das Wirtschaftsministerium ... mit der dreckigen Raab komplett überfordert." sind.
Der "Standard", der gerade - 19 Jahre nach der politischen Wende - eine Rubrik "crossover" eingeführt hat, weil man feststellte, dass es auch Leben
jenseits der Leitha gibt, spricht bei dem Fall Raab sogar von "Rufsuizid" seitens Österreichs, dass sich "verschanze" und gerne mit dem Finger auf Andere zeige
(Beispiel Temelin) und mit "Vorliebe vor der Tür der anderen kehrt", sich aber sonst entschlossen habe, sich nur auf "den Saft zu konzentrieren, in dem es
selber schmore", was auch eine treffende Charakterisierung der österreichsichen Medienlandschaft wäre.
Vielleicht hätte Österreich das Raab-Problem ja schon längst gelöst, würden
nicht pikantere, ja bedrohlichere Probleme an den Grenzen des Reiches lauern. In der Südsteiermark blockiert seit Tagen ein austro-slowenischer
Weinbauer ein 20 x 2 Meter grosses Stück der Grenzstrasse. Und zwar deshalb, weil es ihm gehört. Die Administration hat vergessen (!) ihm das Stückchen
abzukaufen oder sonst zu verlustieren und daher ist die Strasse nun halbseitig von ihm gesperrt. Ja, die Polizei muss sogar dafür sorgen, dass aufgebrachte
Nachbarn nicht mit Traktoren "Besitzstörung" betreiben. Der Mann will 700.000 EUR und ins Fernsehen. Letzteres hat er geschafft.
Und es ist ein echtes Glück für Europa, dass das Stück in der Steiermark und
nicht in Kärnten spielt. Landeshauptmann Haider, der gerne Schilder versetzt, weil er Berge nicht schafft, hätte glatt die Staatsgrenze verrückt und den
Bauern zu Most pressen lassen. Die internationalen Folgen wären unabsehbar, mit einem einfachen Boykottaufruf wäre Österreich dann nicht mehr davon
gekommen und stünde wiedermal in einem Zwei-Fronten-Krieg.
m.s.
(C) ALLE RECHTE VORBEHALTEN, Impressum
|