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Der Humorist / M.S. / 08-2006
Donnawetter
Wiens belehrungsfreier Don Giovanni beim Klanbogen am Theater an der Wien
(c) Armin Bardel
Die Höllenfahrt diesmal in einem Luxushotel, daß sich manchmal zur ganzen Welt
ausdehnen will. Man wunderte sich nur, warum am Ende nicht Billy Wilder als Regisseur erschienen ist, denn fast wäre das Welttheater in türenschlagendem
Komödiengetöse untergegangen und nicht der Titelheld. Es ist interessant, welche Modulationen der Fantasie Mozarts Meisterwerk immer wieder zuläßt, um als
Regisseur (Regie: Keith Warner) am Ende doch an dem Anspruch zu scheitern das große Ganze ebenso packend zu symbolisieren, wie man die Geschichte eben im
Kleinen großartig erzählt hat. Nur und immerhin: Donna Ana bleibt auch heute abend was sie ist, ein leidendes Mysterium mit monströsen Tiefen, bei der sich, je
öfter man diese Rolle hört (nicht sieht!), immer mehr das Gefühl einstellt, sie sei nicht nur Opfer, sondern irgendwie an allem mit Schuld. Das wäre tiefer zu
erörtern. Doch das erlaubte uns der Abend nicht. Vielleicht ein nächster.
Mozarts Wiener Version des Giovanni unterscheidet sich von jener der Prager
Uraufführung in einigen Rezitativen, einer Tenorarie und einem zwar witzig inszenierten, sonst aber läßlichen, eingeschobenen Duett von Zerlina und Leporello.
Das wichtigste aber: das Schlußsextett ist gestrichen. Was aus reiner Theaterdonnerperspektive für einen dramatisch wirkungsvolleren Schluß sorgt, ab in
die Hölle und fertig, bringt aber doch einige Probleme mit sich. Schließlich war die Oper für den Komponisten eine "buffa", wie er im eigenhändigen Werkverzeichnis
mitteilt. Die Rückholung der Gestalten in unsere Mitte geht aber ohne diese satirisch gebrochene Wichtigtuerei der eigentlich Geschlagenen verloren.
Die Triebkräfte für Giovannis Handlungen werden nicht aus seiner Amoral gespeist,
sondern aus dem Moralstreben seiner Verfolger. Sie erklären dem Individuum den totalen Krieg. Das macht Giovanni nicht zum Opfer, er bleibt Täter, ist aber
hausgemacht, ein Produkt, ein Kollateralschaden unserer Zivilsation. Das Sinnbild des skrupellosen Verführers und Zerstörers menschlicher Sitten wird zum Zerrbild,
wenn wir verstehen, daß dahinter die Absicht steht, das Streben nach Unabhängigkeit und Individualität per se als kriminellen Akt zu denunzieren, den
Freiheitswillen des Einzelenen also zu diffamieren. Und genau deshalb bleibt Giovanni bei Mozart auch der moralische Sieger, da er lieber in die Hölle fährt, als
sich den herrschenden Regeln zu ergeben, während die andern sich auf der Bühen versammeln und sich ihres moralischen Systems versichern, von dem sie gerade
vorgeführt bekamen, daß es weder funktioniert, noch durchsetzbar ist. Denn auch die menschengemachte göttliche Strafandrohung verfehlte bei Giovanni ihre
Wirkung, ja, Da Ponte und Mozart stellen die ganze Höllengeschichte, bis heute eine der Grundlagen christlichen Glaubens, in Frage. Um dies zu verdeutlichen, braucht
es die Schlußszene, und deshalb hat Mozart sie auch komponiert.
Sänger, Orchester und Mitwirkende lieferten rundum spannende Kurzweil auf
höchstem musikalischem Niveau (besuchte Vorstellung: 29. Juli). Hier seien vor allem der durchtriebene, selbstzerstörerische Titelheld mit der feinen bis rohen
Stimme, Gerald Finley und Myrtó Papatanasiu als Donna Anna, die ein echtes stimmliches Donnawetter entzündete, genannt. Das Wiener
Radiosymphonieorchester unter Bertrand de Billy ließ keine Wünsche nach Dekadenz, Düsternis und Abgrund offen. Vorstellungen gibt es noch bis zum 18.
August, Karten sind rar wie gute Regisseure.
M.S.
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