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Der Humorist / M.S. / 06-2006 / Kritik
Wiederaufnahme 21., 23., 15., 27. und 29. November 2006
Lachen können, wo andere weinen müssen
Mozarts „Cosí fan tutte“ am Theater an der Wien als ein seligst zerfallendes Moralgerüst – Regisseur
Patrice Chèreau führte bei den Wiener Festwochen vor, daß Theater auch funktioniert, wenn man nicht so genau weiß, warum
Fotos: Theater an der Wien © Armin Bardel
Das vorweggenommene Biedermeier
Nachdem man dem alten Adel im „Figaro“ richtig eins mitgegeben und mit dem
avantgardistischen „Giovanni“ den Wienern zu kauen gegeben hatte, würde man nun noch gleich die heuchelnde Moral des sich gerade obenauf fühlenden Bürgertums
verspotten (Uraufführung der „Cosí“ war schließlich ein Jahr nach dem Sturm auf die Bastille). Was für ein Geniestreich, was für ein paar unerhörte Lümmel! Die
feinen Bürger, die sich mit ihren Slogans von Züchtigkeit, Treue und Ehrenhaftigkeit eine Moral zu zimmern begannen, die sich zwar gegen den
moralisch verderbten Adel stellen wollte, sich aber eigentlich mehr gegen die eigene Natur stellte, kommentierten die Oper in Wien anfänglich nur mit Kopfschütteln
und Frivolitätsvorwürfen. Pech auch, daß nach fünf Aufführungen der Kaiser starb (nicht an der Oper) und die Theater geschlossen wurden. Doch auch später hat man
diese letzte kongeniale Koproduktion von Da Ponte / Mozart meist mit einem „geniale Musik, scheußliches Sujet“ abgetan und den Komponisten damit
entschuldigt, daß es sich um ein karnevalistisches Auftragswerk gehandelt hatte.
Wie so oft hat man Mozart unterschätzt, weil einseitig betrachtet. Seine Zeitstücke
sind immer Menschenstücke gewesen, was sie wiederum zeitlos, und daher nicht nur amüsant machte. Und gerade Wien, das biedermeierliche, trat wenig später
den, teilweise bis heute gültigen, spießbürgerlichen Beweis für die Thesen der „Cosí“ an, daß Moral eine verletztende Chimäre wird, wenn sie gegen die Natur des
Menschen festgesetzt wird. Das Herz läßt sich nicht fesseln, wir sind numal, als Opfer der Natur, so wir sie nicht walten lassen, höchst gefährdet zu Tätern an uns
selbst zu werden. Moral funktioniert nicht bei fehlendem Charakter, der Scheitern aushalten, Schwächen eingestehen läßt, damit man: „lachen kann, wo alle andern weinen“ (Da Ponte).
Fotos: Theater an der Wien © Armin Bardel
Was für ein Getue!
Der Regisseur Patrice Cherèrau läßt sich die Geschichte also entwickeln. Vor dem
Rohbau einer Hinterbühne mit dem großen Aufdruck „Rauchen verboten“, Seilzügen und einigen herein getragenen Tischen, Bänken scheinen sich die Darsteller erst im
Moment des Singens, des Agierens klar über die Schlüssigkeit des Geschehenden zu werden. In historischen Kostümen, aber doch in einer Art Stehgreifatmosphäre,
erschließen sie sich selbst das Stück im Angesicht des Publikums und im Moment der Vorstellung. Ein wunderbar vorgetäuschtes Echtzeit-Theater. Das ist der Idealfall,
Jean Paul nannte die Pole dieses Spannungsfeldes den Schein des Ernstes und den Ernst des Scheins. Chéreau lüpft in diesem Sinne den Vorhang ein Stück, läßt uns
dahinter sehen, und ha! - wir sehen uns. Diese, buchstäblich selbst-verständliche, Herangehensweise läßt noch im Nachhinein so manch andere Produktion, wie die
„Entführung“ im Burgtheater, um nur in Wien zu bleiben, als wahres Geäffe erscheinen und mit Alfonsos Kommentar illustrieren: „was für ein Getue!“
Aber nicht der Text war hier letztlich der Leitfaden, Ariadne legte ihre Spuren in
der Partitur, man wußte sie zu lesen. Mozarts wohl schönste Ensembleszenen, schwerelose, fast schon romantisierende Streichermotive, Ideen und göttliche
Funken zu Hauf und dann ist das alles Ironie! Ebenso schwerelos, romantisierend und ideenreich wandeln die Protagonisten auf ihre kleinen Abgründe zu, zerfällt das
Moralgerüst in einen weichen Teppich seligster Musik. Diese Erkenntnis ist nicht einmal grausam, die Musik bleibt ja so schön, aber gerade dieser scheinbare
Gegensatz ermöglicht eben die perfekte Komödie.
Es waren hier und heute alle Bedingungen erfüllt, alle Zutaten gegeben, die eine
satte Inszenierung möglich machten. Fast ein Felsensteinsches Paradies also. Sowohl bei der spielerischen als auch bei der musikalischen Führung dieser Oper scheint die
Einsicht gesiegt zu haben, daß einem Stück, daß von dem jeweils besten Textdichter und Komponisten seiner Zeit geschaffen wurde, auch heute nichts
hinzugefügt, nichts zugefügt und nichts umgestülpt gehört, es – im Gegenteil – nur den Raum und das Personal brauchte, sich zu entfalten. „Die schönste Komödie der
Welt“, wie sich Da Ponte im Text selbst lobt, trat den Beweis ihrer Wirksamkeit schon allein dadurch an, daß die Zuschauer fortgesetzt über einen 200 Jahre alten
Text und sich aus der Partitur ergebende Gags kicherten, und eben nicht über neuzeitliche Über- und Einfälle.
Trés chic, dieses sokratisieren
Eine wirklich triumphale Premiere! Das Publikum beklatschte einhellig die Sänger,
das Ensemble, Orchester (Mahler-Kammerorchester), Dirigent (Daniel Harding) und (!) die Regie. Es meinte bei der Premiere am 3. Juni im Theater an der Wien
auch wirklich die Akteure und - bei Wiener Premierenpublikum gar nicht so selbstverständlich – feierte nicht sich selbst und den Umstand, daß man sich teure
Karten und Klamotten leisten kann. Elina Garanca - eine grandiose Dorabella, Weltspitze. Erin Wall eine gute Fiordiligi, Marie McLaughlin als Despina ebenso
komödiantisch wie spitz, Stéphane Degout als Guglielmo metallisch, männlich und doch jugendlich – eine Entdeckung. Der Ferrando des Shawn Mathey: ein Tenor der
wirklich alle stimmlichen Voraussetzungen hat, um ein großer Mozarttenor zu sein. Aber die Technik. In seiner Arie „Una aura amorosa“, vernäselete er die Vokale,
verkrampfte den Kiefer, sang die Spitzen in die Gasse, alles völlig überflüssige Manierismen, macht diesen Mann locker und er wird eine Offenbarung sein.
Zugegeben das sind echte Luxusprobleme. Ruggiero Raimondi, der Weltstar, einst „der“ Giovanni, auch ein großartiger Don Alfonso, und als solcher ein ebenso großer Komödiant.
Der Regisseur Patrice Chèreau, ein Theatermann seit frühester Jugend, aber auch
Filmregisseur von opulent („Die Bartholomäusnacht“) bis sehr französisch noir („Gabrielle“), hat sich in der Wahl seiner Produktionen quantitativ immer wieder
reduziert, so wie ein guter Winzer den Ertrag seiner Reben drosselt, damit das Tröpchen besser werde. Nach eigenen Angaben „weiß er bis heute noch nicht“ -
„wozu Theater und Oper eigentlich da sind“ und warum sie funktionieren. Vielleicht ist diese Aussage etwas kokett, trés chic dieses sokratisieren. Aber es soll uns heute
der von ihm geführte Beweis genügen, dass Theater funktioniert. Denn nichts weiter wollen wir ja.
Marco Schicker
Wolfgang Amadeus Mozart / Lorenzo Da Ponte: Cosi fan tutte
Produktion des Festival d'Aix-en-Provence, Koproduktion mit den Wiener Festwochen, der Opéra National de Paris und dem Theater an der Wien
Weitere Vorstellungen: 5., 7., 9., 11. Juni 2006
21., 23., 15., 27. und 29. November 2006
Infos und Tickets auf der Homepage des Theater an der Wien: www.theater-wien.at
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