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(c) Der Humorist / M.S. / 03-2008

 

Ein Land namens Córdoba

Zwischen Vorfreude und Versagensangst: Österreich stimmt sich auf die EURO 2008 ein. Ein Zustandsbericht aus Wien.

Österreich kommt einfach nicht zur Ruhe. 2005: 50 Jahre Unabhängigkeit, 2006: 250 Jahre Mozart, 2007: 95 Jahre Kaiser, 2008: 90 Jahre Kaiser futsch, 70 Jahre Anschluss, 30 Jahre Córdoba. 30 Jahre Córdoba? Und die Fußballeuropameisterschaft? Ja, die findet auch statt. Als festliches Rahmenprogramm für die Feierlichkeiten zu Córdoba `78.

Das Losglück hat Österreich wieder einmal seinen Lieblingsfeind in die Arme getrieben, den Piefke. Am 6. Februar gab es ein erwartungsgemäss desaströses Testspiel in Wien und am 16. Juni steigt, ebenfalls in Wien, die ganz große Sause: das dritte Gruppenspiel des EM-Gastgebers Österreich gegen Deutschland. Von nun an bis zu diesem Datum darf also höchstamtlich der nördliche Nachbar gestichelt, provoziert, heruntergerredet, geschmäht werden. Und das wird er.

Die ersten Auswirkungen der patriotischen La Ola spüren die Deutschen in der österreicherischen Diaspora. Die dürfen sich ab sofort täglich von ihren einheimischen Nachbarn und Freunden die Geschichterln vom tapferen Krankl und seinen zehn Helden anhören und sehen im Fernsehen einmal wöchentlich das Eigentor des Berti Vogts. Bei jeder Gelegenheit bekommen sie ihre "Schmach von Córdoba", die hier naturgemäß "Wunder von Córdoba" heißt, auf die Frühstückssemmel gestrichen. Die Souvenierläden verkaufen die Retro-Laiberln der Heldentruppe und Banken begeben Jubiläumsbankomartkarten mit Córdoba-Motiven. Dieses Spiel damals (3:2 gewonnen, Deutsche aus dem WM-Turnier geschmissen) hat für Österreich eine Qualität wie für die Deutschen ihr Sieg vor Königgrätz 1866. Der Unterschied ist nur, dass die Deutschen den schon nach 30 Jahren vergessen hatten, während die Österreicher noch in 150 Jahren Córdoba ´78 feiern werden. Und, das sei ihnen hiermit deutlich gesagt, zu recht, denn etwas anderes werden sie im Fußball die nächsten 150 Jahre auch nicht zu feiern bekommen.

Was "die Deitschen" bei der WM 2006 geboten haben, dürfte schwerlich zu übertreffen sein und so aalt sich das Land in dramatischen Versagensszenarien, ist ja "Deutsche übertreffen" neben Ski fahren eine der nationalen Aufgaben.

Nun, so ganz einfach ist es aber mit der Piefkehasserei heute nicht mehr. Zwar hat man dem Autoren in seinem Stammlokal freundschaftlich die erbitterste Feindschaft bis Ende Juni 2008 versichert, doch gleichzeitig durfte dieser in seiner Sippenhaft etwas vom Glanz der WM 2006 erheischen, die einem bewundernd vorgeworfen wird. Was "die Deitschen" da geboten haben, dürfte schwerlich zu übertreffen sein und schon aalt sich das Land in dramatischen Versagensszenarien, ist ja "Deutsche übertreffen" neben Ski fahren eine der nationalen Aufgaben.

Der Polizei fehlt angeblich die richtige Krawall-Ausrüstung, die Stadien sind zu klein, die Fanmeilen sind zu klein, eigentlich ist das ganze Land zu klein. Bis zu anderthalb Stunden soll es kürzlich gedauert haben bis man 20.000 Hansln in das Wiener Ernst-Happel-Stadion mit EM-Sicherheitsnorm eingelassen hat. In München dauert so etwas für 50.000 ganze 20 Minuten, da haben aber alle Zuschauer sogar noch "a Wirschtl un a Bier kaaft". Die Fanmeile am Ring soll angeblich mit 2,20 Meter hohen Zäunen umgeben werden, Stimmungstöter! Man weiß auch nicht, wer damit vor wem beschützt werden soll, das Volk vor den Fans? die Fans vor Störern? Das Burgtheater? Das Burgtheater wird geschlossen. Das Burgtheater wird geschlossen? Sogar während der Spanischen Grippeepidemie im Oktober 1918 blieb das Burgtheater lediglich zehn Tage, aber doch nicht einen ganzen Monat geschlossen. Alkohol wird auf der Fanmeile nicht ausgeschenkt. Oder doch? Vielleicht nur Light-Bier? Gott bewahre, wie fad.

Was die Sicherheit in Klagenfurt, Salzburg und Wien betrifft, macht man sich so seine Gedanken. Man hat ja neben den Piefke auch noch die "Jugos" (Kroaten) und die Polen in der Gruppe, also ordentlich Ramba-Zamba-Potential im Land. Knapp 800 Beckstein-Buam (bayerische Polizei) werden in Österreich eingesetzt. Die werden übrigens mit vollen Hoheitsrechten ausgestattet. Vielleicht sollte man ihnen gleich das Kommando über alle Einsätze überlassen. Wenn es dann schief geht, kann man es wenigstens den Deutschen in die Schuhe schieben. Die Österreich-Werbung müht sich mit einer Kampagne, die ungefähr so dynamisch ist wie das österreichische Angriffsspiel (siehe Artikel auf Seite...) Leute zum Übernachten zu bewegen. Die Angst ist nämlich, dass Kroaten, Polen und Deutsche, so sie nicht betrunken am Donaukanal nächtigen, nach den Spielen gleich wieder heimfahren.

Niederlagen am laufenden Band, ein lahmender Flügel neben einer offenen Mitte, die Spritzigkeit eines Fiakergauls und die Ausdauer eines übergewichtigen Kettenrauchers, sagen die Österreicher selbst. Das Selbstbewußtsein ist auf einem Tiefpunkt, Melancholie und Todessehnsucht greifen um sich.

Und das waren alles nur organisatorische Fragen, kommen wir nun zu den fußballerischen. Irgendetwas hat man im Trainerstab der Nationalmannschaft falsch verstanden. Der Umstand, dass man nur eine halbe EM ausrichtet, führte nämlich dazu, dass die Nationalelf immer nur die erste Halbzeit halbwegs ordentlich spielt, dann aber regelmäßig ins Bodenlose versinkt, während sich das Land ins selbige schämt. Niederlagen am laufenden Band gegen Exoten und fußballerische Waisenkinder, ein lahmender Flügel neben einer offenen Mitte, die Spritzigkeit eines Fiakergauls und die Ausdauer eines übergewichtigen Kettenrauchers, - sagen die Österreicher selbst.

Das Selbstbewusstsein ist auf einem Tiefpunkt, Melancholie und Todessehnsucht greifen um sich. Dem Wiener ist dieser Seelenzustand zwischen himmelhochgrantelnd und zutodebetrübt wahrlich nicht fremd. Eine Initiative "Rückgrat zeigen" hat sich gegründet, die im "Interesse des Fußballs" die Teilnahme Österreichs (FIFA-Rangliste Platz 91, unweit Aserbaidshans) an der EM verhindern will. In der Petition heißt es: "Wir Österreicher und –innen, wir waren einst das Land der Schöngeister. „…Volk begnadet für das Schöne“ heißt es in unserer Hymne... Wir wollen der Welt zeigen, dass wir dem Schönen nach wie vor zugänglich sind! Und wir wollen gleichzeitig tun, was unserem Volk so fremd ist wie den ausländischen Fußballexperten die Namen unserer Mittelfeldstrategen: Größe zeigen!"

Da bleibt nur noch der Strohalm Córdoba und die Hoffnung, dass Heimvorteil, piefkonische Selbstüberschätzung und taktisches Glück zu einem zweiten Wunder führen. Österreichische Bäcker haben ein Gebäck entworfen: Tor im Hemd, heißt es. Ob mit dem Tor am Ende das benetzte Alugestell oder doch die zuckerbäckerisch-freudsche Version eines Nationalkickers gemeint war, wissen wir Ende Juni.

Wem der Trubel zu viel wird, und sogar Österreichern kann patriotischer Trubel zu viel werden, dem sei der Tipp einer lokalen Fluglinie gereicht, die auf Wiener Bussen folgendermaßen plakatiert: "Reisen Sie in ein Land, wo die Deutschen noch unbeliebter sind als hier - Amsterdam ab 29 EUR...".

Marco Schicker

Objektive Informationen auf: www.oefb.at
Heldenverehrung auf:
www.c78.at
Nestbeschmutzung auf:
www402.ws7.inname.net

Fotos: Gewista, Sparkasse Wien, M.S.

 

 

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