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(c) Der Humorist / M.S. / 08-2007
Papa ante portas
Vom 7. bis 9. September 2007 besucht Papst Benedikt XVI., geb. Ratzinger, Österreich, Auch im Hort des
heiligen-römischen Österreich gibt es zu viele Nestflüchter und Kuckuckseier. Kirchenaustritte und "Wünsch-dir-was"-Religionen sollen gestoppt, dem universalen Vertretungsanspruch
der römischen Kirche für das menschliche Seelenheil Geltung verschafft werden.
Was als Pilgerreise mit viel zeremoniellem Gewinke und dem üblichen symbolträchtigen Brimborium vorbereitet
wird, gilt daher eigentlich der Überprüfung der vor Jahresfrist eingeforderten "Trendwende".
68% der österreichischen Bevölkerung sind Katholiken. Zumindest auf dem Papier. Denn gerade 15% davon gehen
zumindest sonntags mehr mäßig als regelmäßig zum Gottesdienst. Das ist im Verhältnis zu anderen sich stetig säkularisierenden Gesellschaften in Europa zwar eine noch eher gute Zahl, doch ein
Rückgang um en Viertel binnen zehn Jahren.
Schon Ende 2005 lud der Papst, der sich gerade frisch gewählt hat lassen, die österreichischen Bischöfe "ad
limina" nach Rom und machte ihnen allerhöchstes Fegefeuer unter den heiligen Stühlen: "Der für Europa zur Zeit immer noch signifikante Säkularisierungsprozess hat auch an den Toren
des katholischen Österreich nicht Halt gemacht" ... Die "Identifikation mit der Lehre der Kirche" schwinde bei vielen Gläubigen. Damit löse sich das Glaubenswissen auf und die
"Ehrfurcht vor den Geboten Gottes" nehme ab. Diese Aussage ist ein typischer Ratzinger: weil die Leute die Kirche nicht mögen, würden sie sich auch von Gott abwenden, weil eben nur
seine Kirche Gott ist. Hiermit ist eigentlich alles gesagt und der weitere Mitgliederschwund vorprogrammiert.
Fischer und Menschenfischer, Fotos: www.papstbesuch.at
Warum der Papst nach Österreich kommt
Als "Heilmittel" gab der Papst den Bischöfen damals folgende Hausaufgaben auf:
"... um eine 'Trendwende' herbeizuführen" solle man "mit Eifer" den Katechismus der Katholischen Kirche nützen, um "Gottes Wort in aller Klarheit
darzulegen - auch jene Punkte, die man meist weniger gern hört oder die mit Sicherheit Reaktionen des Protestes, mitunter auch Spott und Hohn
hervorrufen." ... "Es gibt Themen - im Bereich der Glaubenswahrheit und vor allem im Bereich der Sittenlehre - , die in Euren Diözesen in Katechese und
Verkündigung nicht ausreichend präsent sind..." Eine "verstümmelte" Glaubensunterweisung sei "ein Widerspruch in Sich" und könne "auf Dauer nicht
fruchtbar sein". Hierbei, unschwer zu erkennen, geht es um alle Fragen der Abtreibung, Frauen im Priesteramt, Zölibat, Homoehe. Eigentlich
unbegreiflich, wie sogar absoluter Starrsinn und völlige Unbeweglichkeit als "theologische Brillianz" und "Philosoph auf dem Petrusstuhl" bezeichnet werden
können, man denke da nur an die SED-Parteitags-Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Bayerischen Fernsehens beim letzten Besuch in Bayern.
Kardinal Christoph Schönborn, der damals offiziell die Einladung an Ratzinger
überbrachte, wird beim Besuch Benedikts in Wien die Rolle der Kühlerfigur auf dem Papamobil einnehmen und immer schon eine Kreuzlänge voraus den Weg
bereiten. So tat er schon vor zwei Jahren bei der Debatte um die Einführung des "Intelligent Design" in den Schulunterricht, bei der er sich in eine sehr
heilige Allianz mit Kreationisten der evangelikalen Eifererbewegung in den USA begab. Dazu gehören Leute, das mag zwar polemisch klingen, ist aber einmal
Fakt, die ganz offen Todesstrafen ausführen und Kriege anzetteln und kleine Kinder in sogenannten Jesuscamps zu Weinkrämpfen treiben, damit sie den wahren Heilsbringer erkennen.
Kirche und Staat: Symbiose und streitbares Miteinander
Eigentlich konnte der Vatikan bisher ganz zufrieden sein, mit seinen
Österreichern. Bendikt XVI. ist daher auch erst der dritte Papst, der Österreich besucht, wenn man von der Stippvisite eines später als "Unhold und Trunkbold"
abgesetzten Gegenpäpstchens im Jahre 1414 einmal absieht. 1782 bemühte sich Pius VI. einen ganzen Monat lang, Kaiser Joseph II. von seinen
Reformplänen abzubringen, die neben der Schleifung vieler Klöster und der - nach Kirchenmeinung - selbstherrlichen Neuordnung der Diozösen, auch die
Verbeamtung der Pfarrer einschloß. Damit wurde die Katholische Kirche zwar quasi zur Staatskirche erhoben, unterstand nun aber auch staatlicher Kontrolle
und Regulierung, was jahrhundertealte "gottgegebene" Rechte beendete. Die Abschaffung der Leibeigenschaft ist zwar, nach Bibeltext, ebenfalls
gottgewollt, widersprach aber handfesten ökonomischen Interessen der Kirche als lange Zeit größtem Landbesitzer Österreichs. Auch die Übernahme
staatlicher Kontrolle über die - häufig von Jesuiten geführten - Bildungseinrichtungen und Zensurkommissionen war den Schwarzröcken ein
Dorn im Auge. Und es dauerte mehr als 60 Jahre und einige Revolutionen, bis die alte Symbiose von Staat, den Herrschern von Gottes Gnaden und Kirche
soweit wieder hergestellt war, dass immer der den anderen stützte, der gerade weniger humpelte, wobei die Kirche hier wie anderswo durch soziale
Wohltaten und Seelsorge die Defizite einer üblen Ausbeuterei kaschierte und man mit dem Trost auf das Jenseits das Elend der Gegenwart verkaufte. Diese
Stellung der Kirche als leise, aber feste Stütze eines immerwährenden Oben und Unten, scheint, auf lange Sicht gefährdet. Wohlgemerkt, nicht das Unten
und Oben, aber die Teilhabe der Kirche als exklusiver Menschenfischer daran. Und deshalb kommt letztlich dieser Papst nach Österreich aus dem gleichen
Grund wie vor 200 Jahren Pius: weil es nicht so läuft, wie es soll. Johannes Paul II. war auch dreimal hier, aber das zählt nicht, der war schließlich überall mindestens dreimal.
Klerikalfaschismus und Widerstand
Papst Benedikt wird bei seinem Wien-Besuch auch am Holocaustmahnmal,
zusammen mit dem Oberrabbiner Wiens, den Opfern des Antisemitismus gedenken. Eine Aufarbeitung der Rolle seiner Kirche wäre auch gewünscht,
denn diese ist mehr als finster und wird, wie fast alles, was in Österreich mit der Zeit von 1933-1945 zu tun hat, gern vernebelt, noch besser, ganz
verschwiegen. Auch hier wird nach wie vor gern die These von Österreich als erstem Opfer des Faschismus bemüht, wenn auch heute nur selten noch so platt.
„Das Jahr 1933 hat der ganzen Christenheit reichen Gnadensegen, unserem
Vaterland Österreich überdies viele Freuden gebracht (...) Sie (die Regierung, Anm.) kann schon jetzt auf eine Reihe von segensreichen Taten hinweisen, die
das wahre Wohl sichern und fördern“ heißt es im Weihnachtsbrief der österreichischen Bischöfe aus dem Jahr 1933, in dem Kanzler Dollfuß das demokratisch gewählte Parlament ausschaltete.
Auch der Wiener Kardinal Innitzer begrüßte die Ausschaltung des Parlaments
am 12. März 1933 als „Anbruch einer neuen Zeit“, die er mit dem Zeitalter der Gegenreformation verglich. Das austrofaschistische Regime erhielt auch aus
dem Vatikan offizielle Unterstützung. Papst Pius XI. erteilte bereits am 28. Oktober 1933 seinen Segen den „vornehmen Männern, die Österreich in dieser
Zeit, in diesen Tagen regieren, die Österreich so gut, so entschieden, so christlich regieren“ und sogar noch während der Februarkämpfe 1934 erhielt
Dollfuß den apostolischen Segen des Papstes. Dollfuß wollte einen „sozialen, christlichen deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage, unter
starker autoritärer Führung“ und bezog sein politisches System direkt auf päpstliche Enzyklika wie „Rerum Novarum“ (1891) und „Quadragesimo anno“
(1931). Nach dem Einmarsch der deutschen Faschisten 1938 unterzeichnete der Wiener Erzbischof Theodor Innitzer gemeinsam mit den Bischöfen am 18. März
1938 eine feierliche Erklärung, die den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Reich befürwortete. Allerdings ging der Schuss nach
hinten los: die Nazis hielten bekanntlich nicht viel von den Katholiken, sie hatten ihren eigenen Gott: Enteignungen, Schikanen und Gewalt waren die
Folge und es soll auch nicht verschwiegen werden, dass Hunderte katholische Priester und Laien eingekerkert und zum Teil umgebracht wurden. Es gab
Katholiken, die Juden versteckten, die Verfolgten halfen, die desertierten und trösteten, Menschen eben, die menschlich handelten als Gott mal wieder fehlte.
Viel zu tun auf dem österreichischen Acker
Mögen Kirchenfunktionäre ihre Stellung in der Gesellschaft auch als gefährdet
betrachten, weder für einfache Gläubige, als diejenigen, die Jesus im Unterschied zu den Funktionären eigentlich einmal als Christen vorgesehen
hatte, noch für Agnostiker oder Atheisten, sind in einer modernen Welt einige Anmassungen - oder nennen wir sie freundlich - Überlieferungen heute
nachvollziehbar, bzw. für die Glaubensausübung notwendig oder nützlich: So muss, wer heute aus der katholischen Kirche austreten will, nach wie vor zu
einer städtischen Behörde (Meldeamt) gehen und ein entspr. Formular ausfüllen, so als ob Gott einen Personalchef hätte. Die Kirchensteuer wird vom
Bruttogehalt abgezogen und der Religionsunterricht weitgehend unkontrolliert von den Vertretern der Religionsgemeinschaften selbst durchgeführt und
konzipiert. D.h. der Unterrichtsgegenstand erklärt sich selbst, so als würde ein Frosch den Biologieunterricht leiten oder der Angeklagte sein eigenes Urteil
fällen. Nicht vergessen sind in Österreich auch die Fehltritte eines Kardinal Groer, die schweren Vorwürfe wegen des Missbrauchs von Kindern, die
unsägliche Vertuschungshaltung eines Bischofs Krenn und die Abbügelung eines Kirchenvolksbegehrens. Eigentlich viel zu tun auf dem österreichischen Acker
für Papst Benedikt, wenn ihm bei allen Terminen und Wallfahrten dafür überhaupt noch Zeit bleiben sollte.
M.S.
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