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Der Humorist / M.S. / 10-2005

 

Die Türkeifrage

Die wahren Hintergründe von Österreichs Blokade
und warum man in Österreich keine Nazis in Schränken findet

 

 

Man spekuliert, ob Österreich mit seiner Blockadehaltung in der Türkeifrage den Beitritt Kroatiens erzwingen wollte, einem Land, in dem es naheliegende wirtschaftliche Interessen hat, bzw. überhaupt fürchtet, daß die Türken ihnen wiedereinmal den Balkan (K+K-Land) streitig machen könnten. Die Furcht herrscht zurecht, Türken sind meistens cleverer, schneller und fleißiger als der gemeine Österreicher an sich. Doch nichts dergleichen stimmt.

Die dreitägige Diplomatenposse "Der bockige Gärtner", bei der allerdings vorher schon klar war, daß es der Gärtner ist und deren Ende interessierten Kreisen ohnehin bekannt war, dieses dreitägige "Schaut-auf-unser-Land"-Gehabe entsprang dem persönlichen Wunsche des Kanzlers Schüssels, der vor einigen Wochen im Fernsehen mit ansehen mußte, wie seine Außenministerin nach ihrer Rede bei der UNO-Generalversammlung mit den Worten verabschiedet wurde: "... many thanks to the foreign minister of Australia" (!!!) Da stampfte der Kanzler auf den Boden seiner Kanzlei, fühlte sich noch kleiner als er wirklich ist und dachte sich, na wartet, so nicht, die Türken werde ich abkanzlern...

Und so kam es, daß er zur Strafe für diesen Faux pas via CNN die ganze Welt wissen ließ, wo Österreich liegt, wie man es aus- und wie man es anspricht, wie es zu halten und wozu es unter anderem fähig ist. Deutschland sollte ihm dankbar sein, denn für einige Wochen, bis zum nächsten Länderspeil, hat ihm Felix Austria den Rang als Lieblingsnazi der Briten und Amis abgelaufen, ist jetzt sozusagen unser europäischer Hausfaschist. Eine Kolumnistin der NY-Times schrieb: man kann in Österreich kaum einen Schrank aufmachen, ohne daß ein Nazi herausfällt. Stimmt aber nicht. Man pflegt die hiesigen Nazis nicht in Schränken und schon gar nicht zu verstecken, man setzt sie in ein Parlament, d.h. diese verirrten Leute sollen glauben es wäre ein Parlament und sie hätten darin etwas zu sagen.

Aber wie jeder wirkliche Insider (also alle Wiener) weiß, ist der Bundesrat in Österreich nichts weiter als eine getarnte Einrichtung der Initiative "Betreutes Wohnen - Reich ins Heim, statt Heim ins Reich". Und da dürfen die Kampls, Gudenusse und Rosenkränzchen immer mal in Gruppensitzungen Abgeordnete spielen, Schaden können sie ja keinen anrichten, denn der Bundesrat hierzulande hat ungefähr so viele Befugnisse wie die Königin von England.

M.S.

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