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Der Humorist / M.S. / 2005
Panik in Krähwinkel
Nachrichten aus einem bedrängten Land
Von Slowenen und Deutschen, die Österreich bedrängen -
wie Burgchef Bachler den Papst überflügelte, sowie von Hennen, Enten und diffamierten Hunden
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Foto: Imagekampagne der Stadt Wien, “Wien ist anders”
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Ausländer, Politiker, Kulturschaffende, Haustiere und einige andere gefährliche Randgruppen der
Gesellschaft bestimmten den Wiener Hochfrühling, und man kann trotz mehrfach vorgekauten und daher recht gleichmütig aufgenommenen Staatsvertrags- und sonstiger Feierlichkeiten der Stadt
wirklich nicht die Vorhaltung von Langeweile machen, trotz Life-Ball und Marathon.
“Kulturhofminister” Morak sprach vom 50-Jahre-Fest der österreichischen Neu-Unabhängigkeit im
Belvedere am 15. Mai als einem “agressionslosen Chill-out”, worunter man sich eher ein paar langhaarige Kiffer auf Picknickdecke vorstellt, als den staatstragenden Höhepunkt des
“Gedankenjahres” im “Ideenreich”, wie er dies noch am Jahresanfang präamblierte. Die Teilnehmerzahlen schwanken zwischen polizeiseitigen 7.000 bis veranstalterseitigen 25.000. Letzte Zahl
muß stimmen, da man “die Fluktuation einberechnen müsse”, was heißen soll, daß jedesmal, wenn sich ein Besucher ums Eck ein Würstl geholt hatte, er neu gezählt worden ist.
Aus dem ORF ergoß sich während des Volksfestes stundenlang peinlichste Lokalboulevardie in den Äther.
Der wegen Faktenmangels stotternde Reporter kommentierte eine vor die leere Wiese gepflanzte, auffällig fahnenschwenkende Jugendgruppe mit “Die Stimmung ist, wie sie sehen können, großartig”.
Das war nur noch ganz knapp vor DDR-Fernsehen. Ein echter Höhepunkt des TV-Journalismus. Doch jenseits der heilen Welt des Offiziösen, liebe Leser, offenbart sich ein bedrängtes Land, tobt der
Kulturkampf, wird aus Topfen schleichend Quark, herrscht Panik in Krähwinkel.
Während man beispielsweise in einigen Berliner Bezirken ganz zufrieden wäre, zumindest ab und an ein
deutsches Ladenschild zu sehen, fürchtet sich das Bergvolk der Kärntner momentan gar sehr vor zweisprachigen Ortstafeln. Die sollen der dort lebenden, sogenannten, slowenischen Minderheit
eigentlich nur sagen, daß man sie zur Kenntniß genommen hat. Genügt es nicht schon, daß die Japaner fortwährend Grinzing und Ungarn die Geschäfte auf der Mariahilferstraße besetzt halten? Nun soll auch
noch das freie Kärntnen (Haider-Land) durchgängig slowenisch beschriftet werden!
Leider kann Landeshauptmann Jörgi seinen bedrängten und zunehmend verängstigten Bauern nicht zu
Hilfe eilen, da er sich - wie immer - zuerst um seine eigene Rettung kümmern muß. Seine schnell ausgebrütete Atomspaltung von FPÖ zu Alt-FPÖ und BZÖ ging bisher nämlich so gründlich am Wähler
vorbei, daß die Barometer rein gar nicht mehr ausschlagen wollen und er nun persönlich in einer „Zukunft-Tour“ durch die Lande vagabundiert, um jedem Wähler einzeln zu erklären: die BZÖ ist die
bessere FPÖ, aus blau wird ein orange wie Oma Schickelgrubers Lieblingssofakissen und Haider heißt nun Twix.
Gefahr ist schließlich im Verzuge und ein Retter des österreichischen Österreich dringend von Nöten,
wenn man sieht wie die Deutschen schon wieder einmarschieren, arbeitslose Sachsen als Serviertöchter ins Salzkammergut und dazu bald noch die bekannt arbeitsfaulen, politisch ohnehin suspekten
germanischen Studenten an österreichische Universitäten, die auf EU-Beschluß liberalisiert werden müssen. Ausgerechnet liberalisiert, Metternich rotiert im Grabe!
Burgchef Bachler überflügelt den Papst
Zwar ist der Papst aus dem Innviertel, des Gottes und Bruder Teufels gemeinsamen, sehr ergiebigen
Schlangennest, doch zu allem Unglück ist Bennie 16 ein Deutscher, gar Bayer und dirigiert von Rom aus auch die österreichischen Katholiken. Zudem verliert man den Burgtheaterdirektor Bachler an die
Münchner Oper. Darüber freut sich München, aber deutlich zu früh wie ein frisch kolportierter Lapsus der formidablen Art warnt. Er könne, so verkündete Burgherr Bachler auf einer Pressekonferenz, das
von ihm bei Schriftsteller Robert Menasse vor Jahren in Auftrag gegebene Theaterstück, das stark verfremdet die erste ÖVP-FPÖ Koalition thematisiert, nicht spielen, weil ihm die „aktuellpolitische
Brisanz fehle“. Eine nette Ausrede für knallharte Zensur. Dagegen ist Ratzingers Inquisition nur Geplänkel.
Das Wiener Feuilleton ballerte diesmal schlüssig zurück: mit dieser Begründung dürfte man auf der Burg
auch keine Stücke spielen, die im Dänemark des Mittelalters oder Spanien des 16. Jahrhunderts angesiedelt seien. Stimmt, „Räuber“ gibt es auch keine mehr und „Der Mohr von Venedig“ ist
schließlich ein gleichberechtigter Mitbürger mit Aufenthaltsgenehmigung in Schengenland. Besonders lustig: früher wollte Bachler das Stück gerade eben wegen seiner zu aktuellen Brisanz nicht leiden
mögen. Manche vermuten hinter diesem Rückzieher Ränke des Kulturstaatsministers und Ex-Schauspielers Morak, die natürlich reine Unterstellung sind, aber verständlich wären. Wer finanziert
schon gern die Zurschaustellung der eigenen Jämmerlichkeit? Autor Menasse bedankte sich auf seine Weise, indem er Morak den Ehrentitel eines „Schmierenkomödianten“ und ähnlichem verlieh, Bachler als
„notorischen Lügner“ zieh und zudem damit droht, sein Stück in einem Zelt in „Rufweite“ zur Burg von freien Trägern aufführen zu lassen. Diese Idee hat ihren Charme. Immerhin ahnen wir nun, welche
Qualitäten Bachler nach München brachten: in guter Tradition seines Fastnamensvetters Baron Bach, anschmiegsame CSU-Staats-Kulturpolitik verwalten oder, wie man hier nun sagt, verbachlern.
„Da sind wir besser als Deutschland“
Begreiflich, daß man sich ansonsten von den „Freunden im Norden“ neuerdings wieder gerne abgrenzt,
vor allem wenn dort was schief läuft. Ein Gutteil der Identität Österreichs besteht ja in der Abgrenzung
von Deutschland. Die anderen 5% sind - so Staatsoperndirektor Holender wörtlich in dieser Zeitung - „die
Lippizaner, der Schnee und die Philharmoniker“. Nun, der Schnee ist geschmolzen, die Philharmoniker mußten neulich mit den preußischen Kollegen gemeinsam aufspielen und die Hofreitschule ist
bekanntlich ohnehin eine „spanische“. Armes Land. Mozartkugel in Gefahr. Da tut es gut, daß drüben die Arbeitslosigkeit höher und hier die Unternehmenssteuer so niedrig ist, daß dem deutschen
Finanzminister Hans Eichel die Tränen in die Augen schießen. „Da sind wir besser als Deutschland“, ist in den hiesigen Parlamenten zur Selbstetikettierung für erfolgreiche politische Arbeit geworden.
Apropos, Parlamente: Bundesrat und Gurker Bürgermeister Kampl („brutalen Naziverfolgung nach
1945“) überlegt nun, ob er doch den Vorsitz des Bundesrates..., ja, ich weiß, ich sollte auf diesem Hühnerauge und Kamerad-„die Leistungsfähigkeit der KZ´s sollte nochmal überprüft werden“-Gudenus
nicht wieder herumtanzen. Manche Kollegen in der Redaktion bekommen schon nervöse Flecken im Gesicht, wenn sie diese Namen nur lesen. Also schweigen wir hier. Über Finanzminister Karl-Heinz
Grasser (in der BILD-Redaktion nur noch Svarowski-Kalle, oder auch KGH - Katastrophale Gesellschaftliche Hoffnungslosigkeit genannt) schreibe ich nicht, weil ich sonst Flecken, aber nicht nur
im Gesicht bekomme. Außerdem kennen die Leser, die meinen, das ginge sie was an, schon alles aus der BILD-Zeitung.
Von Künstlern und Hunden
Apropos Schmierentheater. Der Operndirektor, Herr Holender, der aber Rumäne ist und daher an
seinem Hause Gewinne erwirtschaftet hat, will die Verluste der Bundestheaterholding (Staatsoper, Burgtheater, Volksoper) nicht übernehmen. Frau Breth, die Oberspielhenne des Burgtheaters
beschimpfte den Alten dann schonmal als Ente, und zwar als Dagobert Duck, zudem noch ohne jeglichen künstlerischen Verstand. Überhaupt, die Künstler! Das Plakat zu den gerade zu Ende gehenden
weltberühmten Wiener Festwochen zeigt einen Passanten, der ein Hundi streichelt, dann ein Bild weiter, wie der Köter die abgebissene Hand des Streichlers in seiner Schnauze hält. Das gab dann gleich
eine saftige Beschwerde an den Werberat wegen Verunglimpfung von Omis Liebling gegen die Werbeagentur und die Betroffenheitsleserbriefschreiber beim Kampfblatt der Haustierhalter „Krone“
und in allerlei Internet-Tierforen („Gebt den Hunden eine Stimme!“) schrieben Extraschichten. Mögen die Viecher auch die Stadt zuscheißen, agressiv sind sie wirklich nicht. So viele Zuschriften zu einem
Kulturthema hatte diese Zeitung in den 50 Jahren ihres Bestehens zusammengenommen nicht. Politker hin, Ausländer her, aber bei den Hundis hört der Spaß in Wien wirklich auf. Wuff!
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