Politik - Satire - Kultur

Gegründet von Moritz Saphir in Wien 1837 - Wiedergegründet von M. S. in Wien 2005

Nichtperiodisches aber chronisches Magazin
für akute Kritik, heilloses Essay und zensierliche Gedanken

Gib mir die Kugel, Mozart!
Das Humorist-EXTRABLATT
zum Mozartjahr 2006
>>>

STARTSEITE   ZUM INHALT                                                                                           ÜBER SAPHIR   IMPRESSUM   GÄSTEBUCH

Der Humorist / M.S. / 2005

Panik in Krähwinkel

Nachrichten aus einem bedrängten Land
 

Von Slowenen und Deutschen, die Österreich bedrängen -
wie Burgchef Bachler den Papst überflügelte, sowie von Hennen, Enten und diffamierten Hunden

         Foto: Imagekampagne der Stadt Wien, “Wien ist anders”


Ausländer, Politiker, Kulturschaffende, Haustiere und einige andere gefährliche Randgruppen der Gesellschaft bestimmten den Wiener Hochfrühling, und man kann trotz mehrfach vorgekauten und daher recht gleichmütig aufgenommenen Staatsvertrags- und sonstiger Feierlichkeiten der Stadt wirklich nicht die Vorhaltung von Langeweile machen, trotz Life-Ball und Marathon.

“Kulturhofminister” Morak sprach vom 50-Jahre-Fest der österreichischen Neu-Unabhängigkeit im Belvedere am 15. Mai als einem “agressionslosen Chill-out”, worunter man sich eher ein paar langhaarige Kiffer auf Picknickdecke vorstellt, als den staatstragenden Höhepunkt des “Gedankenjahres” im “Ideenreich”, wie er dies noch am Jahresanfang präamblierte. Die Teilnehmerzahlen schwanken zwischen polizeiseitigen 7.000 bis veranstalterseitigen 25.000. Letzte Zahl muß stimmen, da man “die Fluktuation einberechnen müsse”, was heißen soll, daß jedesmal, wenn sich ein Besucher ums Eck ein Würstl geholt hatte, er neu gezählt worden ist.

Aus dem ORF ergoß sich während des Volksfestes stundenlang peinlichste Lokalboulevardie in den Äther. Der wegen Faktenmangels stotternde Reporter kommentierte eine vor die leere Wiese gepflanzte, auffällig fahnenschwenkende Jugendgruppe mit “Die Stimmung ist, wie sie sehen können, großartig”. Das war nur noch ganz knapp vor DDR-Fernsehen. Ein echter Höhepunkt des TV-Journalismus. Doch jenseits der heilen Welt des Offiziösen, liebe Leser, offenbart sich ein bedrängtes Land, tobt der Kulturkampf, wird aus Topfen schleichend Quark, herrscht Panik in Krähwinkel.

Während man beispielsweise in einigen Berliner Bezirken ganz zufrieden wäre, zumindest ab und an ein deutsches Ladenschild zu sehen, fürchtet sich das Bergvolk der Kärntner momentan gar sehr vor  zweisprachigen Ortstafeln. Die sollen der dort lebenden, sogenannten, slowenischen Minderheit eigentlich nur sagen, daß man sie zur Kenntniß genommen hat. Genügt es nicht schon, daß die Japaner fortwährend Grinzing und Ungarn die Geschäfte auf der Mariahilferstraße besetzt halten? Nun soll auch noch das freie Kärntnen (Haider-Land) durchgängig slowenisch beschriftet werden!

Leider kann Landeshauptmann Jörgi seinen bedrängten und zunehmend verängstigten Bauern nicht zu Hilfe eilen, da er sich - wie immer - zuerst um seine eigene Rettung kümmern muß. Seine schnell ausgebrütete Atomspaltung von FPÖ zu Alt-FPÖ und BZÖ ging bisher nämlich so gründlich am Wähler vorbei, daß die Barometer rein gar nicht mehr ausschlagen wollen und er nun persönlich in einer „Zukunft-Tour“ durch die Lande vagabundiert, um jedem Wähler einzeln zu erklären: die BZÖ ist die bessere FPÖ, aus blau wird ein orange wie Oma Schickelgrubers Lieblingssofakissen und Haider heißt nun Twix.

Gefahr ist schließlich im Verzuge und ein Retter des österreichischen Österreich dringend von Nöten, wenn man sieht wie die Deutschen schon wieder einmarschieren, arbeitslose Sachsen als Serviertöchter ins Salzkammergut und dazu bald noch die bekannt arbeitsfaulen, politisch ohnehin suspekten germanischen Studenten an österreichische Universitäten, die auf EU-Beschluß liberalisiert werden müssen. Ausgerechnet liberalisiert, Metternich rotiert im Grabe!

 

Burgchef Bachler überflügelt den Papst

Zwar ist der Papst aus dem Innviertel, des Gottes und Bruder Teufels gemeinsamen, sehr ergiebigen Schlangennest, doch zu allem Unglück ist Bennie 16 ein Deutscher, gar Bayer und dirigiert von Rom aus auch die österreichischen Katholiken. Zudem verliert man den Burgtheaterdirektor Bachler an die Münchner Oper. Darüber freut sich München, aber deutlich zu früh wie ein frisch kolportierter Lapsus der formidablen Art warnt. Er könne, so verkündete Burgherr Bachler auf einer Pressekonferenz, das von ihm bei Schriftsteller Robert Menasse vor Jahren in Auftrag gegebene Theaterstück, das stark verfremdet die erste ÖVP-FPÖ Koalition thematisiert, nicht spielen, weil ihm die „aktuellpolitische Brisanz fehle“. Eine nette Ausrede für knallharte Zensur. Dagegen ist Ratzingers Inquisition nur Geplänkel.

Das Wiener Feuilleton ballerte diesmal schlüssig zurück: mit dieser Begründung dürfte man auf der Burg auch keine Stücke spielen, die im Dänemark des Mittelalters oder Spanien des 16. Jahrhunderts angesiedelt seien. Stimmt, „Räuber“ gibt es auch keine mehr und „Der Mohr von Venedig“ ist schließlich ein gleichberechtigter Mitbürger mit Aufenthaltsgenehmigung in Schengenland. Besonders lustig: früher wollte Bachler das Stück gerade eben wegen seiner zu aktuellen Brisanz nicht leiden mögen. Manche vermuten hinter diesem Rückzieher Ränke des Kulturstaatsministers und Ex-Schauspielers Morak, die natürlich reine Unterstellung sind, aber verständlich wären. Wer finanziert schon gern die Zurschaustellung der eigenen Jämmerlichkeit? Autor Menasse bedankte sich auf seine Weise, indem er Morak den Ehrentitel eines „Schmierenkomödianten“ und ähnlichem verlieh, Bachler als „notorischen Lügner“ zieh und zudem damit droht, sein Stück in einem Zelt in „Rufweite“ zur Burg von freien Trägern aufführen zu lassen. Diese Idee hat ihren Charme. Immerhin ahnen wir nun, welche Qualitäten Bachler nach München brachten: in guter Tradition seines Fastnamensvetters Baron Bach, anschmiegsame CSU-Staats-Kulturpolitik verwalten oder, wie man hier nun sagt, verbachlern.

 

„Da sind wir besser als Deutschland“

Begreiflich, daß man sich ansonsten von den „Freunden im Norden“ neuerdings wieder gerne abgrenzt, vor allem wenn dort was schief läuft.  Ein Gutteil der Identität Österreichs besteht ja in der Abgrenzung von Deutschland. Die anderen 5% sind - so Staatsoperndirektor Holender wörtlich in dieser Zeitung - „die Lippizaner, der Schnee und die Philharmoniker“. Nun, der Schnee ist geschmolzen, die Philharmoniker mußten neulich mit den preußischen Kollegen gemeinsam aufspielen und die Hofreitschule ist bekanntlich ohnehin eine „spanische“. Armes Land. Mozartkugel in Gefahr. Da tut es gut, daß drüben die Arbeitslosigkeit höher und hier die Unternehmenssteuer so niedrig ist, daß dem deutschen Finanzminister Hans Eichel die Tränen in die Augen schießen. „Da sind wir besser als Deutschland“, ist in den hiesigen Parlamenten zur Selbstetikettierung für erfolgreiche politische Arbeit geworden.

Apropos, Parlamente: Bundesrat und Gurker Bürgermeister Kampl („brutalen Naziverfolgung nach 1945“) überlegt nun, ob er doch den Vorsitz des Bundesrates..., ja, ich weiß, ich sollte auf diesem Hühnerauge und Kamerad-„die Leistungsfähigkeit der KZ´s sollte nochmal überprüft werden“-Gudenus nicht wieder herumtanzen. Manche Kollegen in der Redaktion bekommen schon nervöse Flecken im Gesicht, wenn sie diese Namen nur lesen. Also schweigen wir hier. Über Finanzminister Karl-Heinz Grasser (in der BILD-Redaktion nur noch Svarowski-Kalle, oder auch KGH - Katastrophale Gesellschaftliche Hoffnungslosigkeit genannt) schreibe ich nicht, weil ich sonst Flecken, aber nicht nur im Gesicht bekomme. Außerdem kennen die Leser, die meinen, das ginge sie was an, schon alles aus der BILD-Zeitung.

 

Von Künstlern und Hunden

Apropos Schmierentheater. Der Operndirektor, Herr Holender, der aber Rumäne ist und daher an seinem Hause Gewinne erwirtschaftet hat, will die Verluste der Bundestheaterholding (Staatsoper, Burgtheater, Volksoper) nicht übernehmen. Frau Breth, die Oberspielhenne des Burgtheaters beschimpfte den Alten dann schonmal als Ente, und zwar als Dagobert Duck, zudem noch ohne jeglichen künstlerischen Verstand. Überhaupt, die Künstler! Das Plakat zu den gerade zu Ende gehenden weltberühmten Wiener Festwochen zeigt einen Passanten, der ein Hundi streichelt, dann ein Bild weiter, wie der Köter die abgebissene Hand des Streichlers in seiner Schnauze hält. Das gab dann gleich eine saftige Beschwerde an den Werberat wegen Verunglimpfung von Omis Liebling gegen die Werbeagentur und die Betroffenheitsleserbriefschreiber beim Kampfblatt der Haustierhalter „Krone“ und in allerlei Internet-Tierforen („Gebt den Hunden eine Stimme!“) schrieben Extraschichten. Mögen die Viecher auch die Stadt zuscheißen, agressiv sind sie wirklich nicht. So viele Zuschriften zu einem Kulturthema hatte diese Zeitung in den 50 Jahren ihres Bestehens zusammengenommen nicht. Politker hin, Ausländer her, aber bei den Hundis hört der Spaß in Wien wirklich auf. Wuff!

 

ALLE RECHTE VORBEHALTEN, Impressum

 

 

 

-

webcounter