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Gegründet von Moritz Saphir in Wien 1837 - Wiedergegründet von M. S. in Wien 2005

Nichtperiodisches aber chronisches Magazin
für akute Kritik, heilloses Essay und zensierliche Gedanken

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Der Humorist / M.S. / 07-2005

 

Vernunft und Glaube

oder

Die letzten Plagen der Menschheit


Beine hat uns zwei gegeben
Gott der Herr, um fortzustreben,
Wollte nicht, dass an der Scholle
Unsre Menschheit kleben solle.
Um ein Stillstandsknecht zu sein,
Gnügte uns ein einzges Bein.
(Heinrich Heine)
 

 

Das Sommerloch war wieder nicht groß genug, als daß es nicht doch einer verstopfen könnte. Der Wiener Kardinal Schönborn verübte mittenhinein in die erste Julihitze in der „New York Times“ eine wohlkalkulierte Debatte, die im Kern darauf zielte, den Glauben an seinen Gott als Akt der Vernunft, die Bemühungen der Wissenschaft hingegen als den Kampf von Dogmatikern zu verdrehen.

Die Sache wäre wahrscheinlich an allgemeiner Interessenlosigkeit vertrocknet, wenn die Wichtigmacher sie nicht so wichtig gemacht hätten. Die „Presse“ widmete dieser Angelegenheit eine komplette Titelseite und die Kommentarseiten des Standard waren tagelang mit Niederschriften der üblichen Reflexe gefüllt. Da äußerten sich beleidigte Forscher ebenso wie katholische Wadenbeißer aus der Jugendfürsorge, dazwischen eine Reihe von konservativen Leierkästen, die berüchtigten „Sowohl-als-Auchs“. Die wirklich angegriffenen aber, die freien Geister Wiens schwiegen. Sie waren fassungslos. Alle beide.

But the game doesn´t play in Austria: Für die Verdrängung Darwinscher Lehrgrundsätze und ihrer Weiterführungen aus - vorerst - den amerikanischen Schulbüchern zugunsten absurder Mischtheorien aus Schöpfungsakt und Weltenplänen, scheint die Zeit günstig zu sein. Die Kirche fährt die Ernte der letzten Jahre ein und dabei ist auf den österreichischen Katholizismus mit Schönborn als sprechende Kühlerfigur auf dem Papamobil wieder einmal Verlaß.

Gerade vor einigen Tagen nun forderte Präsident Bush - fast im selben Wortlaut wie der Kardinal - die schulische Durchsetzung der Lehre vom „creative design“ wie man die göttliche Schöpfung und ihre unerklärliche Selbstherrlichkeit mit der sie sich weiterentwickelte nun weltlich-kompatibel nennen möchte. Eine interessante Koalition tut sich da auf: ein Wiener Kardinal macht sich zum Pressesprecher eines „Protestanten“, der schon als Gouverneur von Texas 117mal gegen das 5. Gebot verstieß. Das meint also der neue Papst, wenn er von der „Einheit aller Christen“ als seinem wichtigsten Amtsziel säuselt? Amerkanischer Nationalismus und römisch-katholische Kirche, Größenwahn und Heilsbotschaft, die zwei letzten Plagen der Menschheit.

Die Logik mit der Herr Schönborn die Welt belästigt, ist dabei natürlich eine kirchliche. Zentrale These: Die Vernunft geböte, daß Göttliche in der Natur zu erkennen. Die Verneinung eines Schöpfungslplans, ja, auch nur das Beharren auf dem wissenschaftlichen Weg zur Erklärung der Natur ist daher unvernünftig und dogmatisch, ergo unwissenschaftlich. Das klingt nur auf den ersten Blick nach dem üblichen Rhethorikscharmützel pippetiert aus der Retorte apostolischen Onanistentums, geht über den gegenseitigen Vorwurf der Unbeweisbarkeit, den Neckereien zwischen wissentlich Gläubigen und Zuwissenglaubenden weit hinaus: Es ist ein publizistischer Bannspruch über den freien Geist. Die Diffamierung des aufgeklärten Menschen.

Wer 2000 Jahre lang nur ein einziges Buch - eigentlich eine lose Zettelsammlung diffuser Quellenlage - als Forschungsmaterial zuläßt, ist natürlich irgendwann davon überzeugt, daß die Nachrichten von damals die Weltlage von heute richtig beschreiben. So wie ein Wellensittich am Lebensende überzeugt davon sein wird, daß der Himmel Gitter habe. Und da die Wissenschaft es immernoch nicht fertig gebracht hat, die Natur in Gänze zu erklären, ist allein der fortgesetzte Versuch dieser Erklärung dumm und dogmatisch. Der Glaube an das Buch im Hotelnachttisch dagegen vernünftig und richtig.

Zu dem Adler sprach die Taube:
„Wo das Denken aufhört, da beginnt der Glaube."
„Recht," sprach jener, „mit dem Unterschied jedoch,
wo du glaubst, da denk' ich noch!"
(Ludwig Robert)

Es wäre von Kardinal Schönborn aufrichtiger gewesen, zu sagen was er wirklich meinte: „Diese Geister, die forschenden, sind frei. Daher sind sie gefährlich. Sie sind unsere Feinde.“ - Dann müßte er sie aber lieben, wie ihm seine Dienstvorschriften geheißen,  und soweit geht die Liebe nun wohl nicht. Der Versuch Vernunft und Glaube zu fusionieren, das zeigt die Debatte in Österreich, ist nichts anderes als vorsätzliche philosophische Schlafwandelei.

Papa Ratzinger indes,  - viel zu klug, um irgendetwas zu glauben, dass er nicht selbst ausgebrütet und genehmigt hat - sitzt grinsend im apostolischen Palast, spielt sein pontifikales Schachspiel, sieht zu wie seine Saat aufgeht und denkt sich: „Wenn die Wissenschaft mit ihrer Theorie von der spontanen Mutation zum Zwecke der progressiven Selektion recht hat, warum bin ich dann eigentlich immer noch hier?“  -

Da darf ich meinem Papst beipflichten, schließlich scheinen die geistigen Saurier der Aufklärung ausgestorben und ohne nennenswerte Nachkommen geblieben zu sein. Die Evolution kann also nur eine regressive sein, zumindest die vom Hals an aufwärts.

Sie wedeln und tanzen und rufen und springen
ja sie singen auch im freudigsten Ton,
doch vom Petersplatz werden sie niemals wegwedeln,
den Gestank von Ratzingers Inquisition.

M.S.

 

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