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DerHumorist.de / POLITIK / M.S. / Februar 2005
Der selige Krampfadern-Kalle
Zur Seligsprechung Kaiser Karl I.
oder: Ist Fummeln schon Nächstenliebe?
„Österreichische Christen haben erleichtert auf den Rücktritt des St. Pöltener Bischofs Kurt Krenn reagiert.“ lautete neulich eine Agenturmeldung. Man möchte hinzufügen „ … und deren Kinder erst!!!“
Dann hat also der Vatikan doch noch Machtwort gesprochen und nach der Schliessung des glumperten
Seminars in St. Pölten auch dessen Aufseher, Bischof Krenn, in die ewigen Beichtgründe geschickt. Um den westpannonischen Klerus aber nicht vollends zu vergrätzen, sprach man ihnen ihren letzten Kaiser,
Karl den I., selig, so weiss die ganze Welt: in Österreich gab es auch gute Christen. Also auch in höheren Diensten. Ein eindrucksvolleres Beispiel von Nächstenliebe und Gottgefallen findet man wohl im
Erdenrund nicht:
Apropos gefallen. Dass Karl I. selig gesprochen wird, der Kaiser, der ab 1916 als oberster Kriegsherr und
Befehlshaber Österreich-Ungarns für die Giftgaseinsätze an den Fronten des Ersten Weltkrieges zumindest wissend mitverantwortlich war, wurde in einer Radiosendung von einem Vertreter der
„Kaiser Karl-Gebetsliga“ (die gibt es wirklich, Präsident war Bischof Krenn!!!) so gedeichselt: nach damaligen militärischen Ansichten wurde der Tod im Felde durch Gas als weniger quälend weil gründlich
betrachtet als der Tod durch z.B. Artellerietrommelfeuer, denn da gab es ja fürchterliche Verletzungen.
Eine Historikerinquisition im Vatikan hat 55 Jahre an solchen Begründungen gearbeitet, da liess sich das
oben zitierte Pfäffchen von einer vorlauten Radiomoderatorin (noch dazu einer Frau!) nicht so leicht davon abbringen. Der katholischen Kirche genügt allen Ernstes der „Wille“ zum Frieden. Dass der
Frieden des “Friedenskaisers” ein „Frieden der Friedhöfe“ wurde, gilt bei der Kurie nicht unbedingt als
Negativum, handelt es sich doch bei Friedhöfen einwandfrei um kirchliche Einrichtungen. Bundeskanzler Schüssel forderte in diesem Zusammenhang etwas mehr „Demut im Umgang mit geschichtlichen
Persönlichkeiten“. Das mag man gar nicht glauben. Vielleicht hat er „Mut“ gesagt und die bösartige Journaille ihm einfach das „De-„ vornangedichtet…
Karl I. ist den Ungarn als Karl IV., König von Ungarn, bekannt. Im historisch wahrsten Sinne des Wortes:
entfernt bekannt. Und da kommen wir schon zur Nächstenliebe. Als die 19er Revolution im Eimer war und feststand, dass man in Wien dennoch die Nase voll vom Kaiserreich hatte, erinnerte sich Kaiser Karl
an seinen ungarischen Stuhl und dachte: „Schei…“. In einer sagenhaft dillettantischen Militäraktion stolperten die Kaiserlichen gen Osten und ehe sie sichs versahen, hatte Horty und seine Ungarn sie
besiegt. Die Geschichtsverdreher aus dem Vatikan nebst der Gebetskreisliga vermelden dazu: Kaiser Karl wollte noch in Zeiten der Bedrängung Blutvergiessen verhindern, was doch von seinem
Verantwortungsgefühl zeugt und seiner Nächstenliebe.
Meine lieben Leser, wo steckt eigentlich Otto von Habsburg? An welcher Grenze frühstückt der gerade,
und warum? Die Seligsprechungszeremonie auf dem Petersplatz, an der völlig unnötigerweise die ungarische Parlamentspräsidentin Katalin Szili auftauchte, bekam eine besondere Note. Zu Ehren des
„Friedenskaisers“ sollte nämlich dessen „Lieblingstruppe“, die Kaiserjäger (das sind keine Autonomen, sondern ein paar Paradegockel), paradieren und musizieren. Ihnen wurden aber die Instrumente
gestohlen. Serbische Nationalisten? Kriegsdienstverweigerer oder doch ein Fingerzeig von Woytylas Vorgesetztem?
Nun, etwas Gutes hatte der „Friedenskaiser“ Karl doch noch geleistet, wenn auch nur in spiritueller
Hinsicht. Folgender schlechte Witz stammt einmal nicht von mir. Und es sprach der Vatikan: eine Frau in Brasilien wendete sich dereinst betend an den Geist des Kaisers, und siehe da, sie wurde von ihrem
Krampfaderleiden geheilt. Und zumindest dieses offiziell anerkannte Wunder sollte uns doch als gehöriger Grund erscheinen den letzten Kaiser der Österreicher (von Berliner Historikern
Krampfadern-Kalle genannt) selig sein zu lassen und ihn auch so zu nennen. Man fragt sich nur zwangsläufig, was der Vatikan bei einer solchen Biographie wegen einiger Nackertenbildchen auf
irgendeinem Computer in St. Pölten für einen Skandal macht. Handelte die Geschichte dort denn nicht auch von einer Art Nächstenliebe? Oder war Kardinal Ratzinger der Meinung: Fürs Vaterland krepiern zu
lassen ist ganz ok, aber leben tuts bittschö moralisch…?
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