|
Der Humorist / M.S. / 11-2005
Der Alte Fritz versus Bush
Friedrich der Große im Interview
„Dem Krieg gegenüber nicht fühllos bleiben...”
Friedrich der Große erklärt im Interview* was der amerikanische Präsident nach dem
Irak-Krieg falsch gemacht hat, daß sich Betrug an der Öffentlichkeit nicht auszahlt, warum die Todesstrafe ein Verhängnis ist und warum er - der große Feldherr - Kriege
für den falschen Weg hält. Wir trafen den Monarchen in seinem Schloß in Potsdam.
Königliche Hoheit. Wie schätzt Ihr die Nachkriegspolitik des amerikanischen
Präsidenten im Irak ein?
Beantworten Sie mir doch diese Frage: Zu welchem Zweck hat er denn überhaupt diese
Eroberung gemacht? Sie werden mir sagen, das habe er getan, damit er seine Herrschaft vergrößere und seine Gewalt steigere. Das wollte ich hören, möchte ich
Ihnen doch beweisen, daß er, wenn er diese Grundsätze befolgt, das ganze Gegenteil erreicht; denn für diese Eroberung entstehen ihm große Kosten, und er zerstört das
Land, das ihn für seine Geldverluste entschädigen könnte.
Ja, aber Amerika will wohl langfristig seine Einflußsphäre sichern, seine Macht vergrößern...
Sie werden mir doch zugeben, daß ein verwüstetes Land dadurch, daß ein Fürst es an
sich bringt, diesen nicht mächtig macht. Ich bin der Meinung, daß ein Monarch, der die weiten Wüsten Lybiens besäße, kaum zu fürchten wäre, und daß eine Million Panther,
Löwen oder eine Million Untertanen, reiche Städte, fleißige Bürger (...) und alles, was ein volkreiches Land hervorbringt, nicht aufwiegt.
Aber Amerika gilt dennoch als mächtigste Kraft der Welt...
Jedermann wird zugeben, daß die Stärke eines Staates keineswegs von der Ausdehnung
seiner Grenzen abhängt (...).
Amerika wird in letzter Zeit ein gefährlicher Unilateralismus vorgeworfen und hat
alte Verbündete oft vor den Kopf gestoßen. Kann das gut gehen?
Er meint, „daß ein Fürst, der ein ausgedehntes Land beherrscht und somit über viel
Geld und viele Truppen verfügt, sich auf seine eigenen Kräfte stützen kann und gegen die Angriffe seiner Feinde keiner Hilfe seitens eines Verbündeten bedarf”. Dem wage
ich zu widersprechen; ich sage sogar darüber hinaus und unterstreiche, daß ein noch so gefürchteter Fürst, allein auf sich gestellt, mächtigen Feinden keinen Widerstand
leisten könnte und zwangsläufig der Hilfe einiger Bündnispartner bedarf. (...)
Auch auf ökonomischem und ökologischen Weg geht Amerika in letzter Zeit
eigenisinnige Wege und verweigert einen völkerverbindenden Konsens...
Man sagt dort, und ohne viel nachzudenken, sagt man immer wieder, Verträge seien
unnütz, da man fast niemals alle ihre Bedingungen erfülle und in unserem Jahrhundert im bezug auf sie nicht gewissenhafter sei als in jedem anderen. Denen, die so denken,
antworte ich, daß ich gar kein Zweifel hege, daß sie Beispiele aus früherer Zeit und sogar ganz neue von Fürsten finden können, die ihren Verpflichtungen nicht haargenau
nachgekommen sind, daß es jedoch noch immer sehr vorteilhaft ist, Verträge abzuschließen. Die Verbündeten, die man für sich gewinnt, verringern zahlenmäßig die
Feinde, die man sonst hätte. (...)
Viele meinen, die Antiterrorpolitik würde auch die Grundfreiheiten in Amerika
gefährden. Wie schätzt Ihr das ein?
Republikanische Gesinnung schöpft, wenn sie ihre Freiheit bis zum äußersten verficht,
aus allem, was ihr Fesseln anlegen könnte, Verdacht und lehnt sich schon gegen den bloßen Gedanken an einen Gebieter auf. Man kennt Völker in Europa, die das Joch der
Gewaltherrschaft abgeschüttelt haben, um sich der Unabhängigkeit zu erfreuen; man kennt aber keine, die als frei gewesene sich freiwillig einem Sklaventum unterworfen haben. (...)
Sie galten selbst als absoluter Herrscher, hat Bush denn zuviel Macht?
Niemals wird man wirklich freie Republikaner dazu bewegen, sich einen Herrn, und sei
es der beste, zu geben; denn immer werden sie einem entgegnen: Es ist besser, von Gesetzen abzuhängen als von der Laune eines einzelnen Mannes.
Europa kritisiert vor allem die Anwendung der Todesstrafe als inhuman. Wie seht Ihr das?
Das wertvollste Gut, das den Fürsten anvertraut ist, ist das Leben ihrer Untertanten.
Ihre Macht ermächtigt sie, Todesuteile auszusprechen oder Schuldige zu begnadigen. (...) Die guten Fürsten betrachten diese vielgepriesene Macht über das Leben ihrer
Untertanen als die schwerste Last. Sie wissen, daß sie Menschen sind wie die , über die sie richten müssen; sie wissen, daß Schäden, Ungerechtigkeiten und Beleidigungen in
dieser Welt wiedergutgemacht werden können, daß aber ein übereiltes Todesurteil ein nicht wiedergutzumachender Fehler ist. (...) Er dagegen behandelt derart gewichtige,
ernste und bedeutsame Dinge, als wären sie Kleinigkeiten. Bei ihm zählt das Leben der Menschen nichts; der Zweck, dieser einzig von ihm angebetete Gott, zählt alles.
Gerade wird in der Öffentlichkeit wieder über die Manipulationsversuche des Weißen
Hauses im Vorfeld des Irakkrieges diskutiert. Muß das Volk denn alles wissen?
Er denkt, man könnte die Menschen durch Verstellungskunst täuschen: hier will ich ihn
in die Enge treiben. Es ist bekannt, in welch hohem Maß die Öffentlichkeit neugierig ist; sie ist ein Wesen, das alles sieht, alles hört und alles was es gesehen und gehört
hat, weiterträgt. (...) Daher sind die Fürsten mehr als alle anderen Menschen dem Urteil und der Einschätzung der Mitwelt ausgesetzt, sie sind gleichsam Gestirne, auf die
ein Volk von Astronomen seine Fernrohre und Höhenmesser gerichtet hält. (...) Mit einem Wort, sowenig die Sonne ihre Flecken verdecken kann, sowenig vermögen die
großen Fürsten ihre Mängel und die Tiefe ihres Wesens vor den Augen so vieler Beobachter zu verbergen.
Aber die letzte Wahl hat Bush dennoch klar gewonnen...
Selbst wenn ein Fürst eine Zeitlang seine Mißgestalt durch Verstellungskunst wie mit
einer Maske verdecken würde, wäre es ihm doch nicht möglich, diese Maske beständig beizubehalten, ohne sie hin und wieder mal zu lüften; und so ein Umstand allein kann
genügen, um den Neugierigen Genüge zu tun. List und Verstellung werden sich also auch vergebens auf den Lippen dieses Fürsten halten; Ausflüchte in seinen Reden und in
seinen Taten werden ihm nichts nützen. (...)
Ich spreche in diesem Augenblick nicht von der Ehrlichkeit und auch nicht von der
Tugend; fasse ich aber nur das Interesse des Fürsten ins Auge, möchte ich sagen, sich betrügerisch verhalten und die Welt hinters Licht führen ist für sie eine sehr üble
Politik: sie brauchen nur einmal zu betrügen, und schon büßen sie das Vertrauen aller Fürsten ein.
Ihr habt selbst viele Kriege - auch ohne Kriegserklärungen - geführt. Gibt es gerechte Kriege?
Die Welt wäre sehr glücklich, wenn es noch andere Mittel als das der Verhandlungen
gäbe, um Gerechtigkeit walten zu lassen und Frieden und Eintracht unter den Nationen herzustellen. Man würde Vernunftgründe an Stelle der Waffen sprechen lassen und sich
im Wortstreit zusammenzufinden, statt sich gegenseitig umzubringen. (...)
Ich bin überzeugt, daß die Monarchen, sähen sie im Bild vor sich wahr und getreu das
Elend, in das allein eine Kriegserklärung die Völker stürzt, dem Krieg gegenüber nicht fühllos blieben. Ihre Einbildungskraft reicht nicht aus, um sich wahrheitsgetreu die
Leiden vorzustellen, die sie selbst nie erfahren haben und vor denen ihr Stand sie schützt. Wie können sie sich die Abgaben vorstellen, die die Völker drücken, den
Verlust an jungen Leuten, den die Rekrutierung in einem Land mit sich bringt, die ansteckenden Krankheiten, (...) den Schrecken der Schlachten und die noch
mörderischeren Belagerungen, den Jammer der Verwundeten, die das feindliche Schwert einiger ihrer Gliedmaßen (...) beraubt hat, den Schmerz der Waisen, die durch
den Tod ihres Vaters die einzige Stütze ihrer Schwachheit verloren haben, den Verlust so vieler für den Staat so nützlicher Menschen, die der Tod vor der Zeit hinweggerafft?
Kann es denn eine Welt ohne Krieg geben?
Ich erkühne mich, als Verteidiger der Menschheit gegen dieses Ungeheuer, das sie
austilgen will, aufzutreten, wage es, gegen Betrug und Verbrechen die Vernunft und die Gerechtigkeit ins Feld zu führen (...)
Königliche Hoheit. Wir danken für das Gespräch.
* Die Antworten Friedrichs des Großen stammen wortgetreu aus dem „Antimachivell“,
den er 1739/40 auf Schloß Rheinsberg schrieb, kurz vor Beginn seiner Regierungszeit als König von Preußen. Er ist die Entgegnung auf Niccolo Machiavellis „Das Buch vom
Fürsten” aus der Mitte des 16. Jh und die erste ausführlichere Beschäftigung des jungen Monarchen mit der Thematik des Absolutismus, die in regem Austausch mit
Voltaire entstand und natürlich vor allem auch in eigener Sache und immer vom Standpunkt des Herrschers aus verfertigt worden ist.
Dennoch sind in dem Schriftstück schon die Tendenzen der Aufklärung und des
Verantwortungsgefühls enthalten, die den späteren Ruf vom „Philosophen auf dem Thron” begründeten. Friedrich war kein Pazifist. Sein Reich fusste auf Eroberungen
und militaristischer Überlegenheit nach innen und aussen, ja er zählte Angriffskriege als Prävention durchaus zu einem legitimen Mittel von Politik: „Es ist also besser, daß
ein Fürst sich in einen Angriffskrieg einläßt, solange er noch Herr ist, die Wahl zwischen dem Ölzweig und dem Lorbeerzweig zu treffen, ...”. Doch gerade deshalb
findet eine Betrachtung seiner Ansichten heute, wenn auch hier nur in kurzen Auszügen, einen berechtigten Platz. Ermahnen seine Worte nämlich sehr deutlich, dass
Machtausdehnung und Kampf zum Wohle seines Volkes als Gründe für einen solchen Angriffskrieg nicht genügen, sondern nur und ausschliesslich die unmittelbare und
unausweichliche Bedrohung, die weitreichenden Risiken eines solchen Krieges rechtfertigen. Risiken, die für die Zeit nach ihm, seinen Nutzen übersteigen werden,
wie er an anderer Stelle betont. Das Verlassen eben dieser Grundsätze hat später ganz Europa in den Abgrund gerissen und Preußen, das Werk Friedrichs, vernichtet.
Besonders eindrücklich sind in den gefundenen Textstellen zudem auch die
Anforderungen, die Friedrich an den Charakter eines „Fürsten” stellt und seinen Umgang mit der Öffentlichkeit und den Untertanen.
Mögen die ausgewählten Stellen dem bewegten Leser vielleicht nur Bestätigung sein, so
sind sie im Lichte der aktuellen Kriege und in der Unmöglichkeit der Vorausschau der ferneren Konsequenzen doch geradezu erschreckend aktuell. Erschreckend vor allem
auch, wenn man nüchtern konstatiert, dass ein durchaus kriegerischer, europäischer Herrscher des 18. Jh., aus dem „alten Europa”, mehr Weitblick,
Verantwortungsgefühl, ja mehr Moral und Menschlichkeit besass, als der fast demokratisch gewählte Kriegsfürst aus „Gottes eigenem Land”, auf den sich heute unsere fassungslosen Augen richten.
M.S.
ALLE RECHTE VORBEHALTEN, Impressum
|