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Der Humorist / M.S. / 10-2005
Friede den Herden
Don Carlos versucht sich an der Wiener Staatsoper in doppelter Haushaltsführung
Foto: Wiener Staatsoper
Der Regisseur Peter Konwitschny wird vor allem daher so geschätzt, weil er in
der Lage ist, die Inhalte von Stücken freizulegen und sie von aufführungshistorischem Tant zu befreien. Er bringt seine Analysen dann schlüssig
auf die Bühne, überraschende, oft neue Details werden logisch eingebunden. Er vollführt die Überwindung althergebrachter Übereinkünfte zwischen
Theaterbequemlichkeit und Publikumserwartung ohne der Lästigkeit der meisten zeitgenössischen Regiekollegen anheim zu fallen, die in aufgeregtem
selbsttherapeutischen Exibitionismus sich und alles andere daran setzen Werke zu verinterpretieren, sie zu verstümmeln. Konwitschny aber bricht die Konventionen ohne sie zu erbrechen.
Mit seinem Don Carlos, in der fünfaktigen und -stündigen frz. Fassung trat Peter
Konwitschny noch einen Beweis an. Nämlich, daß Richtigkeit nicht automatisch eine interessante Inszenierung hervorbringt, daß dramaturgische Gründlichkeit
nicht theatralisches Geschick ersetzt, kurz: Wahrheit allein macht kein Theater. Konwitschny schützt vor Langeweile nicht. Das war allerdings neu.
Man kann den frz. Don Carlos drehen und wenden wie man will, man kommt am
Ende doch zu dem Schluß, daß der erste Akt, die Szene im Wald von Fointenbleau überflüssig war und ist. Zumindest aus aufführungsökonomischer
Sicht. Konwitschny meint in einem Interview, man verstünde und empfinde das Elend von Carlos und Elisabeth nur dann richtig, wenn man gesehen hat wie sie
sich ihrer Liebe versicherten. Doch Dinge und Konstellationen als gegeben hinzunehmen, ist eine unabdingbare Voraussetzung von Theater, das Publikum,
zumindest das interessierte, darauf trainiert. Schließlich erfahren wir auch nicht, warum Don Giovanni so ein Lustmolch geworden ist und was in seiner
Beziehung zu Donna Elvira eigentlich schief gegangen ist, daß sie so rasend an ihm hängt. Und was wir wissen müssen, teilt uns ein Meister ohnehin durch die
Musik mit. Weiterer Vorteil der italienischen Fassung: Schlüsselszenen wie die Aussprache Phillip - Posa sind dramatisch dichter und bewegender, die frz.
Version verliert sich immer wieder in modischen Ausmalungen und an den Zeit- und Ortgeschmack anbiedernden Frasierungen, französische Geschwätzigkeit
gegen komprimiertes italienisches Pathos in Verdischer Ausführung.
Ebolis Traum als den Traum vom kleinen häuslichen Familienglück in ein
50er-Jahre-Ambiente zu verlgen, von den Sängern comedyhaft vertanzt ist ganz lustig, aber auch nicht die große Offenbarung, die ein 20minütiges sich stets
wiederholendes Ringelreihen rechtfertigte. Das konservative Wiener Staatsopernpublikum stieß sich an der angeblichen Lächerlichmachung von Verdis
hehrer Musik. Lächerlich gemacht haben sich im schlimmsten Fall die Sänger, die in der Szene den Beweis antraten wie schlecht sie schauspielern. Allein die
kalkulierte Provokation gegen den Spießer im Zuschauerrund rechtfertigt diese Szene, die ansonsten nichts mit Musiktheaterregie zu tun hat.
Das Autodáfé unter Einbeziehung des Publikums und der Pausenräume verschiebt
die Konzentration des Publikums auf Zirkusnummern. Dies sollte eine Art historische Erläuterung auf die Sensationsgier und Schausucht der heutigen
Mediengellschaft bieten, durch die Mittel von Exibitionismus und Sensation - der Teufel und der Belzebub. Was aber viel mehr bewegen sollte: Was blieb bei
Verdi von Schiller, was blieb von beiden bei Konwitschny?
Denn die wirklich große Story findet nicht zwischen Eboli und Carlos, oder
Elisabeth und Carlos statt, das sind nur Randillustrationen, die eindrücklich die Verbindung von individuellen Schicksalen mit der großen Poltik transportieren.
Die eigentliche Story ist die zwischen Posa-Phillip-Inquisitor, hier spielt das Freiheitsdrama, hier bricht sich das pazifistische Werk Bahn, hierher gehören
die Schwerpunkte der Inszenierung, die Aufmerksamkeit des Publikums und nicht in die Nebenstränge.
Doch gerade das große, das schillernde Drama verlor sich ein einfacher
Dialogregie auf einer großen hellen Bühne, Skovhus und Miles schrien um die Wette, Skovhus manchmal auch sehr schön, oft aber sprachlich völlig vernäselt,
das ist der Fluch des Französischen Weichspülvokalismus. Der kleine Rámon Vargas versuchte ein weiteres mal hohe laute Töne zu produzieren, aber sang
dann doch wieder knabenhaft in sich hinein, versuchte sich stimmlich wie gestisch an doppelter Haushaltsführung zwischen Staatsaktion und Pantoffelheld.
Er hat eine wunderbar sauber geführte Mittellage, ist aber insgesamt einer der meistüberschätzten Tenöre des Vokaljetsets. Auch die Wiener Kritik läßt ihn
aufgrund seines Namens kritiklos durch. Gerade an den paar Stellen größter der Verzweiflung (Sie ist sein, ich hab sie verloren...) muß ein Carlos in der Lage
sein die Luft zu zerschneiden, alle zu übertönen, doch immer so ab dem a wechselt Vargas in eine Mixstimme, drückt den Ton in den Schädel und nicht in den Raum. Und: er langweilt irgendwann.
Im Ganzen eine herausragende Inszenierung der letzten Saison. Eine ist zu wenig
für die große Wiener Staatsoper, die - wie von Ioan Holender in der ORF-Pressestunde verkündet - zu den Top 3 der Welt gehört.
Ein Haus, daß - wie gerade vom neuen Balletchef Harongózo vorgeführt - Zensur
anwendet (von Holender allerdings wieder aufgehoben!), hat erst grundsätzliche innere Standpunkte zu klären, bevor man vwieder die Hoffnung hegen darf,
mutigere und fundiertere Regiearbeiten in Hülle und Fülle zu erleben wie sie einem der Flagschiffe des europäischen Opernlebens würdig sind.
M.S.
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